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MAERCHEN-ALMANACH AUF DAS JAHR 1827 MAERCHEN-ALMANACH AUF DAS JAHR 1827 WILHELM HAUFF Der Scheik von Alessandria Ali Banu war ein sonderbarer Mann; wenn er morgens durch die Strassen der Stadt ging angetan mit einem Turban aus den koestlichsten Kaschmirs gewunden mit dem Festkleide und dem reichen Guertel der fuenfzig Kamele wert war wenn er einherging langsamen gravitaetischen Schrittes seine Stirne in finstere Falten gelegt seine Augenbrauen zusammengezogen die Augen niedergeschlagen und alle fuenf Schritte gedankenvoll seinen langen schwarzen Bart streichend; wenn er so hinging nach der Moschee um wie es seine Wuerde forderte den Glaeubigen Vorlesungen ueber den Koran zu halten: da blieben die Leute auf der Strasse stehen schauten ihm nach und sprachen zueinander: "Es ist doch ein schoener stattlicher Mann und reich ein reicher Herr" setzte wohl ein anderer hinzu "sehr reich; hat er nicht ein Schloss am Hafen von Stambul? Hat er nicht Gueter und Felder und viele tausend Stueck Vieh und viele Sklaven?" "Ja" sprach ein dritter "und der Tatar der letzthin von Stambul her vom Grossherrn selbst den der Prophet segnen moege an ihn geschickt kam der sagte mir dass unser Scheik sehr in Ansehen stehe beim Reis-Effendi beim Kapidschi-Baschi bei allen ja beim Sultan selbst." "Ja" rief ein vierter "seine Schritte sind gesegnet; er ist ein reicher vornehmer Herr aber--aber ihr wisst was ich meine!" "Ja ja!" murmelten dann die anderen dazwischen "es ist wahr er hat auch ein Teil zu tragen moechten nicht mit ihm tauschen; ist ein reicher vornehmer Herr; aber aber!" Ali Banu hatte ein herrliches Haus auf dem schoensten Platz von Alessandria; vor dem Hause war eine weite Terrasse mit Marmor ummauert beschattet von Palmbaeumen; dort sass er oft abends und rauchte seine Wasserpfeife. In ehrerbietiger Entfernung harrten dann zwoelf reichgekleidete Sklaven seines Winkes; der eine trug seinen Betel der andere hielt seinen Sonnenschirm ein dritter hatte Gefaesse von gediegenem Golde mit koestlichem Sorbet angefuellt ein vierter trug einen Wedel von Pfauenfedern um die Fliegen aus der Naehe des Herrn zu verscheuchen; andere waren Saenger und trugen Lauten und Blasinstrumente um ihn zu ergoetzen mit Musik wenn er es verlangte und der gelehrteste von allen trug mehrere Rollen um ihm vorzulesen. Aber sie harreten vergeblich auf seinen Wink; er verlangte nicht Musik noch Gesang er wollte keine Sprueche oder Gedichte weiser Dichter der Vorzeit hoeren er wollte keinen Sorbet zu sich nehmen noch Betel kauen ja selbst der mit dem Faecher aus Pfauenfeder hatte vergebliche Arbeit; denn der Herr bemerkte es nicht wenn ihn eine Fliege summend umschwaermte. Da blieben oft die Voruebergehenden stehen staunten ueber die Pracht des Hauses ueber die reichgekleideten Sklaven und ueber die Bequemlichkeit womit alles versehen war; aber wenn sie dann den Scheik ansahen wie er so ernst und duester unter den Palmen sass seine Augen nirgends hinwandte als auf die blaeulichen Woelkchen seiner Wasserpfeife da schuettelten sie die Koepfe und sprachen: "Wahrlich der reiche Mann ist ein armer Mann. Er der viel hat ist aermer als der der nichts hat; denn der Prophet hat ihm den Verstand nicht gegeben es zu geniessen." So sprachen die Leute lachten ueber ihn und gingen weiter. Eines Abends als der Scheik wiederum vor der Tuere seines Hauses sass umgeben von allem Glanz der Erde und traurig und einsam seine Wasserpfeife rauchte standen nicht ferne davon einige junge Leute betrachteten ihn und lachten. "Wahrlich" sprach der eine "das ist ein toerichter Mann der Scheik Ali Banu; haette ich seine Schaetze ich wollte sie anders anwenden. Alle Tage wollte ich leben herrlich und in Freuden; meine Freunde muessten bei mir speisen in den grossen Gemaechern des Hauses und Jubel und Lachen muessten diese traurigen Hallen fuellen." "Ja" erwiderte ein anderer. "Das waere nicht so uebel; aber viele Freunde zehren ein Gut auf und waere es so gross als das des Sultans den der Prophet segne; aber saesse ich abends so unter den Palmen auf dem schoenen Platze hier da muessten mir die Sklaven dort singen und musizieren meine Taenzer muessten kommen und tanzen und springen und allerlei wunderliche Stuecke auffuehren. Dazu rauchte ich recht vornehm die Wasserpfeife liesse mir den koestlichen Sorbet reichen und ergoetzte mich an all diesem wie ein Koenig von Bagdad." "Der Scheik" sprach ein dritter dieser jungen Leute der ein Schreiber war "der Scheik soll ein gelehrter und weiser Mann sein und wirklich seine Vorlesungen ueber den Koran zeugen von Belesenheit in allen Dichtern und Schriften der Weisheit; aber ist auch sein Leben so eingerichtet wie es einem vernuenftigen Manne geziemt? Dort steht ein Sklave mit einem ganzen Arm voll Rollen; ich gaebe mein Festkleid dafuer nur eine davon lesen zu duerfen; denn es sind gewiss seltene Sachen. Aber er? Er sitzt und raucht und laesst Buecher--Buecher sein. Waere ich der Scheik Ali Banu der Kerl muesste mir vorlesen bis er keinen Atem mehr haette oder bis die Nacht heraufkaeme; und auch dann noch muesste er mir lesen bis ich entschlummert waere." "Ha! Ihr wisst mir recht wie man sich ein koestliches Leben einrichtet" lachte der vierte; "essen und trinken singen und tanzen Sprueche lesen und Gedichte hoeren von armseligen Dichtern! Nein ich wuerde es ganz anders machen. Er hat die herrlichsten Pferde und Kamele und Geld die Menge. Da wuerde ich an seiner Stelle reisen reisen bis an der Welt Ende und selbst zu den Moskowitern selbst zu den Franken. Kein Weg waere mir zu weit um die Herrlichkeiten der Welt zu sehen. So wuerde ich tun waere ich jener Mann dort." "Die Jugend ist eine schoene Zeit und das Alter wo man froehlich ist" sprach ein alter Mann von unscheinbarem Aussehen der neben ihnen stand und ihre Reden gehoert hatte "aber erlaubet mir dass ich es sage die Jugend ist auch toericht und schwatzt hier und da in den Tag hinein ohne zu wissen was sie tut." "Was wollt Ihr damit sagen Alter?" fragten verwundert die jungen Leute. "Meinet Ihr uns damit? Was geht es Euch an dass wir die Lebensart des Scheiks tadeln?" "Wenn einer etwas besser weiss als der andere so berichtige er seinen Irrtum so will es der Prophet" erwiderte der alte Mann "der Scheik es ist wahr ist gesegnet mit Schaetzen und hat alles wonach das Herz verlangt aber er hat Ursache ernst und traurig zu sein. Meinet ihr er sei immer so gewesen? Nein ich habe ihn noch vor fuenfzehn Jahren gesehen da war er munter und ruestig wie die Gazelle und lebte froehlich und genoss sein Leben. Damals hatte er einen Sohn die Freude seiner Tage schoen und gebildet und wer ihn sah und sprechen hoerte musste den Scheik beneiden um diesen Schatz denn er war erst zehn Jahre alt und doch war er schon so gelehrt wie ein anderer kaum im achtzehnten." "Und der ist ihm gestorben? Der arme Scheik!" rief der junge Schreiber. "Es waere troestlich fuer ihn zu wissen dass er heimgegangen in die Wohnungen des Propheten wo er besser lebte als hier in Alessandria; aber das was er erfahren musste ist viel schlimmer. Es war damals die Zeit wo die Franken wie hungrige Woelfe herueberkamen in unser Land und Krieg mit uns fuehrten. Sie hatten Alessandria ueberwaeltigt und zogen von da aus weiter und immer weiter und bekriegten die Mamelucken. Der Scheik war ein kluger Mann und wusste sich gut mit ihnen zu vertragen; aber sei es weil sie luestern waren nach seinen Schaetzen sei es weil er sich seiner glaeubigen Brueder annahm ich weiss es nicht genau; kurz sie kamen eines Tages in sein Haus und beschuldigten ihn die Mamelucken heimlich mit Waffen Pferden und Lebensmitteln unterstuetzt zu haben. Er mochte seine Unschuld beweisen wie er wollte es half nichts denn die Franken sind ein rohes hartherziges Volk wenn es darauf ankommt Geld zu erpressen. Sie nahmen also seinen jungen Sohn Kairam geheissen als Geisel in ihr Lager. Er bot ihnen viel Geld fuer ihn; aber sie gaben ihn nicht los und wollten ihn zu noch hoeherem Gebot steigern. Da kam ihnen auf einmal von ihrem Bassa oder was er war der Befehl sich einzuschiffen; niemand in Alessandria wusste ein Wort davon und--ploetzlich waren sie auf der hohen See und den kleinen Kairam Ali Banus Sohn schleppten sie wohl mit sich denn man hat nie wieder etwas von ihm gehoert." "O der arme Mann wie hat ihn doch Allah geschlagen!" riefen einmuetig die jungen Leute und schauten mitleidig hin nach dem Scheik der umgeben von Herrlichkeit trauernd und einsam unter den Palmen sass. "Sein Weib das er sehr geliebt hat starb ihm aus Kummer um ihren Sohn; er selbst aber kaufte sich ein Schiff ruestete es aus und bewog den fraenkischen Arzt der dort unten am Brunnen wohnt mit ihm nach Frankistan zu reisen um den verlorenen Sohn aufzusuchen. Sie schifften sich ein und waren lange Zeit auf dem Meere und kamen endlich in das Land jener Giaurs jener Unglaeubigen die in Alessandria gewesen waren. Aber dort soll es gerade schrecklich zugegangen sein. Sie hatten ihren Sultan umgebracht und die Paschas und die Reichen und Armen schlugen einander die Koepfe ab und es war keine Ordnung im Lande. Vergeblich suchten sie in jeder Stadt nach dem kleinen Kairam niemand wollte von ihm wissen und der fraenkische Doktor riet endlich dem Scheik sich einzuschiffen weil sie sonst wohl selbst um ihre Koepfe kommen koennten. So kamen sie wieder zurueck und seit seiner Ankunft hat der Scheik gelebt wie an diesem Tag denn er trauert um seinen Sohn und er hat recht. Muss er nicht wenn er isst und trinkt denken jetzt muss vielleicht mein armer Kairam hungern und duersten? Und wenn er sich bekleidet mit reichen Schals und Festkleidern wie es sein Amt und seine Wuerde will muss er nicht denken jetzt hat er wohl nichts womit er seine Bloesse deckt? Und wenn er umgeben ist von Saengern und Taenzern und Vorlesern seinen Sklaven denkt er da nicht jetzt muss wohl mein armer Sohn seinem fraenkischen Gebieter Spruenge vormachen und musizieren wie er es haben will? Und was ihm den groessten Kummer macht er glaubt der kleine Kairam werde so weit vom Lande seiner Vaeter und mitten unter Unglaeubigen die seiner spotten abtruennig werden vom Glauben seiner Vaeter und er werde ihn einst nicht umarmen koennen in den Gaerten des Paradieses! Darum ist er auch so mild gegen seine Sklaven und gibt grosse Summen an die Armen; denn er denkt Allah werde es vergelten und das Herz seiner fraenkischen Herren ruehren dass sie seinen Sohn mild behandeln. Auch gibt er jedesmal wenn der Tag kommt an welchem ihm sein Sohn entrissen wurde zwoelf Sklaven frei." "Davon habe ich auch schon gehoert" entgegnete der Schreiber "aber man traegt sich mit wundervollen Reden; von seinem Sohne wurde dabei nichts erwaehnt; wohl aber sagte man er sei ein sonderbarer Mann und ganz besonders erpicht auf Erzaehlungen; da soll er jedes Jahr unter seinen Sklaven einen Wettstreit anstellen und wer am besten erzaehlt den gibt er frei." "Verlasset euch nicht auf das Gerede der Leute" sagte der alte Mann "es ist so wie ich es sage und ich weiss es genau; moeglich ist dass er sich an diesem schweren Tage aufheitern will und sich Geschichten erzaehlen laesst; doch gibt er sie frei um seines Sohnes willen. Doch der Abend wird kuehl und ich muss weitergehen. Salem aleikum Friede sei mit euch ihr jungen Herren und denket in Zukunft besser von dem guten Scheik!" Die jungen Leute dankten dem Alten fuer seine Nachrichten schauten noch einmal nach dem trauernden Vater und gingen die Strasse hinab indem sie zueinander sprachen: "Ich moechte doch nicht der Scheik Ali Banu sein." Nicht lange Zeit nachdem diese jungen Leute mit dem alten Mann ueber den Scheik Ali Banu gesprochen hatten traf es sich dass sie um die Zeit des Morgengebets wieder diese Strasse gingen. Da fiel ihnen der alte Mann und seine Erzaehlung ein und sie beklagten zusammen den Scheik und blickten nach seinem Hause. Aber wie staunten sie als sie dort alles aufs herrlichste ausgeschmueckt fanden! Von dem Dache wo geputzte Sklavinnen spazierengingen wehten Wimpeln und Fahnen die Halle des Hauses war mit koestlichen Teppichen belegt Seidenstoff schloss sich an diese an der ueber die breiten Stufen der Treppe gelegt war und selbst auf der Strasse war noch schoenes feines Tuch ausgebreitet wovon sich mancher wuenschen mochte zu einem Festkleid oder zu einer Decke fuer die Fuesse. "Ei wie hat sich doch der Scheik geaendert in den wenigen Tagen!" sprach der junge Schreiber. "Will er ein Fest geben? Will er seine Saenger und Taenzer anstrengen? Seht mir diese Teppiche! Hat sie einer so schoen in ganz Alessandria! Und dieses Tuch auf dem gemeinen Boden wahrlich es ist schade dafuer!" "Weisst du was ich denke?" sprach ein anderer. "Er empfaengt sicherlich einen hohen Gast; denn das sind Zubereitungen wie man sie macht wenn ein Herrscher von grossen Laendern oder ein Effendi des Grossherrn ein Haus mit seinem Besuch segnet. Wer mag wohl heute hierherkommen?" "Siehe da geht dort unten nicht unser Alter von letzthin? Ei der weiss ja alles und muss auch darueber Aufschluss geben koennen. Heda! Alter Herr! Wollet Ihr nicht ein wenig zu uns treten?" So riefen sie; der alte Mann aber bemerkte ihre Winke und kam zu ihnen; denn er erkannte sie als die jungen Leute mit welchen er vor einigen Tagen gesprochen. Sie machten ihn aufmerksam auf die Zuruestungen im Hause des Scheiks und fragten ihn ob er nicht wisse welch hoher Gast wohl erwartet werde. "Ihr glaubt wohl" erwiderte er "Ali Banu feiere heute ein grosses Freudenfest oder der Besuch eines grossen Mannes beehre sein Haus? Dem ist nicht also; aber heute ist der zwoelfte Tag des Monats Ramadan wie ihr wisset und an diesem Tag wurde sein Sohn ins Lager gefuehrt." "Aber beim Bart des Propheten!" rief einer der jungen Leute. "Das sieht ja alles aus wie Hochzeit und Festlichkeiten und doch ist es sein beruehmter Trauertag wie reimt Ihr das zusammen? Gesteht der Scheik ist denn doch etwas zerruettet im Verstand." "Urteilt Ihr noch immer so schnell mein junger Freund?" fragte der Alte laechelnd. "Auch diesmal war Euer Pfeil wohl spitzig und scharf die Sehne Eures Bogens straff angezogen und doch habt Ihr weitab vom Ziele geschossen. Wisset dass heute der Scheik seinen Sohn erwartet." "So ist er gefunden?" riefen die Juenglinge und freuten sich. "Nein und er wird sich wohl lange nicht finden; aber wisset: Vor acht oder zehn Jahren als der Scheik auch einmal mit Trauern und Klagen diesen Tag beging auch Sklaven freigab und viele Arme speiste und traenkte da traf es sich dass er auch einem Derwisch der muede und matt im Schatten jenes Hauses lag Speise und Trank reichen liess. Der Derwisch aber war ein heiliger Mann und erfahren in Prophezeiungen und im Sterndeuten. Der trat als er gestaerkt war durch die milde Hand des Scheiks zu ihm und sprach: 'Ich kenne die Ursache deines Kummers; ist nicht heute der zwoelfte Ramadan und hast du nicht an diesem Tage deinen Sohn verloren? Aber sei getrost dieser Tag der Trauer wird dir zum Festtag werden denn wisse an diesem Tage wird einst dein Sohn zurueckkehren!' So sprach der Derwisch. Es waere Suende fuer jeden Muselmann an der Rede eines solchen Mannes zu zweifeln; der Gram Alis wurde zwar dadurch nicht gemildert aber doch harrt er an diesem Tage immer auf die Rueckkehr seines Sohnes und schmueckt sein Haus und seine Halle und die Treppen als koenne jener zu jeder Stunde anlangen." "Wunderbar!" erwiderte der Schreiber. "Aber zusehen moechte ich doch wie alles so herrlich bereitet ist wie er selbst in dieser Herrlichkeit trauert und hauptsaechlich moechte ich zuhoeren wie er sich von seinen Sklaven erzaehlen laesst." "Nichts leichter als dies" antwortete der Alte. "Der Aufseher der Sklaven jenes Hauses ist mein Freund seit langen Jahren und goennt mir an diesem Tage immer ein Plaetzchen in dem Saal wo man unter der Menge der Diener und Freunde des Scheiks den einzelnen nicht bemerkt. Ich will mit ihm reden dass er euch einlaesst; ihr seid ja nur zu viert und da kann es schon gehen; kommet um die neunte Stunde auf diesen Platz und ich will euch Antwort geben." So sprach der Alte; die jungen Leute aber dankten ihm und entfernten sich voll Begierde zu sehen wie sich dies alles begeben wuerde. Sie kamen zur bestimmten Stunde auf den Platz vor dem Hause des Scheik und trafen da den Alten der ihnen sagte dass der Aufseher der Sklaven erlaubt habe sie einzufuehren. Er ging voran doch nicht durch die reichgeschmueckten Treppen und Tore sondern durch ein Seitenpfoertchen das er sorgfaeltig wieder verschloss. Dann fuehrte er sie durch mehrere Gaenge bis sie in den grossen Saal kamen. Hier war ein grosses Gedraenge von allen Seiten; da waren reichgekleidete Maenner angesehene Herren der Stadt und Freunde des Scheik die gekommen waren ihn in seinem Schmerz zu troesten. Da waren Sklaven aller Art und aller Nationen. Aber alle sahen kummervoll aus; denn sie liebten ihren Herrn und trauerten mit ihm. Am Ende des Saales auf einem reichen Diwan sassen die vornehmsten Freunde Alis und wurden von den Sklaven bedient. Neben ihnen auf dem Boden sass der Scheik; denn die Trauer um seinen Sohn erlaubte ihm nicht auf dem Teppich der Freude zu sitzen. Er hatte sein Haupt in die Hand gestuetzt und schien wenig auf die Troestungen zu hoeren die ihm seine Freunde zufluesterten. Ihm gegenueber sassen einige alte und junge Maenner in Sklaventracht. Der Alte belehrte seine jungen Freunde dass dies die Sklaven seien die Ah Banu an diesem Tage freigebe. Es waren unter ihnen auch einige Franken und der Alte machte besonders auf einen von ihnen aufmerksam der von ausgezeichneter Schoenheit und noch sehr jung war. Der Scheik hatte ihn erst einige Tage zuvor einem Sklavenhaendler von Tunis um eine grosse Summe abgekauft und gab ihn dennoch jetzt schon frei weil er glaubte je mehr Franken er in ihr Vaterland zurueckschicke desto frueher werde der Prophet seinen Sohn erloesen. Nachdem man ueberall Erfrischungen umhergereicht hatte gab der Scheik dem Aufseher der Sklaven ein Zeichen. Dieser stand auf und es ward tiefe Stille im Saal. Er trat vor die Sklaven welche freigelassen werden sollten und sprach mit vernehmlichen Stimme: "Ihr Maenner die ihr heute frei sein werdet durch die Gnade meines Herrn Ali Banu des Scheik von Alessandria tuet nur wie es Sitte ist an diesem Tage in seinem Hause und hebet an zu erzaehlen!" Sie fluesterten untereinander. Dann aber nahm ein alter Sklave das Wort und fing an zu erzaehlen: Der Zwerg Nase Wilhelm Hauff Herr! Diejenigen tun sehr unrecht welche glauben es habe nur zu Zeiten Haruns Al-Raschid des Beherrschers von Bagdad Feen und Zauberer gegeben oder die gar behaupten jene Berichte von dem Treiben der Genien und ihrer Fuersten welche man von den Erzaehlern auf den Maerkten der Stadt hoert seien unwahr. Noch heute gibt es Feen und es ist nicht so lange her dass ich selbst Zeuge einer Begebenheit war wo offenbar die Genien im Spiele waren wie ich euch berichten werde. In einer bedeutenden Stadt meines lieben Vaterlandes Deutschlands lebte vor vielen Jahren ein Schuster mit seiner Frau schlicht und recht. Er sass bei Tag an der Ecke der Strasse und flickte Schuhe und Pantoffeln und machte wohl auch neue wenn ihm einer welche anvertrauen mochte; doch musste er dann das Leder erst einkaufen denn er war arm und hatte keine Vorraete. Seine Frau verkaufte Gemuese und Fruechte die sie in einem kleinen Gaertchen vor dem Tore pflanzte und viele Leute kauften gerne bei ihr weil sie reinlich und sauber gekleidet war und ihr Gemuese auf gefaellige Art auszubreiten wusste. Die beiden Leutchen hatten einen schoenen Knaben angenehm von Gesicht wohlgestaltet und fuer das Alter von zwoelf Jahren schon ziemlich gross. Er pflegte gewoehnlich bei der Mutter auf dem Gemuesemarkt zu sitzen und den Weibern oder Koechen die viel bei der Schustersfrau eingekauft hatten trug er wohl auch einen Teil der Fruechte nach Hause und selten kam er von einem solchen Gang zurueck ohne eine schoene Blume oder ein Stueckchen Geld oder Kuchen; denn die Herrschaften dieser Koeche sahen es gerne wenn man den schoenen Knaben mit nach Hause brachte und beschenkten ihn immer reichlich. Eines Tages sass die Frau des Schusters wieder wie gewoehnlich auf dem Markte sie hatte vor sich einige Koerbe mit Kohl und anderm Gemuese allerlei Kraeuter und Saemereien auch in einem kleineren Koerbchen fruehe Birnen Aepfel und Aprikosen. Der kleine Jakob so hiess der Knabe sass neben ihr und rief mit heller Stimme die Waren aus: "Hierher ihr Herren seht welch schoener Kohl wie wohlriechend diese Kraeuter; fruehe Birnen ihr Frauen fruehe Aepfel und Aprikosen wer kauft? Meine Mutter gibt es wohlfeil." So rief der Knabe. Da kam ein altes Weib ueber den Markt her; sie sah etwas zerrissen und zerlumpt aus hatte ein kleines spitziges Gesicht vom Alter ganz eingefurcht rote Augen und eine spitzige gebogene Nase die gegen das Kinn hinabstrebte; sie ging an einem langen Stock und doch konnte man nicht sagen wie sie ging; denn sie hinkte und rutschte und wankte; es war als habe sie Raeder in den Beinen und koenne alle Augenblicke umstuelpen und mit der spitzigen Nase aufs Pflaster fallen. Die Frau des Schusters betrachtete dieses Weib aufmerksam. Es waren jetzt doch schon sechzehn Jahre dass sie taeglich auf dem Markte sass und nie hatte sie diese sonderbare Gestalt bemerkt. Aber sie erschrak unwillkuerlich als die Alte auf sie zuhinkte und an ihren Koerben stillstand. "Seid Ihr Hanne die Gemuesehaendlerin?" fragte das alte Weib mit unangenehmer kraechzender Stimme indem sie bestaendig den Kopf hin und her schuettelte. "Ja die bin ich" antwortete die Schustersfrau "ist Euch etwas gefaellig?" "Wollen sehen wollen sehen! Kraeutlein schauen Kraeutlein schauen ob du hast was ich brauche" antwortete die Alte beugte sich nieder vor den Koerben und fuhr mit ein Paar dunkelbraunen haesslichen Haenden in den Kraeuterkorb hinein packte die Kraeutlein die so schoen und zierlich ausgebreitet waren mit ihren langen Spinnenfingern brachte sie dann eins um das andere hinauf an die lange Nase und beroch sie hin und her. Der Frau des Schusters wollte es fast das Herz abdrucken wie sie das alte Weib also mit ihren seltenen Kraeutern hantieren sah; aber sie wagte nichts zu sagen; denn es war das Recht des Kaeufers die Ware zu pruefen und ueberdies empfand sie ein sonderbares Grauen vor dem Weibe. Als jene den ganzen Korb durchgemustert hatte murmelte sie: "Schlechtes Zeug schlechtes Kraut nichts von allem was ich will war viel besser vor fuenfzig Jahren; schlechtes Zeug schlechtes Zeug!" ...
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