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MAERCHEN-ALMANACH AUF DAS JAHR 1827
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MAERCHEN-ALMANACH AUF DAS JAHR 1827

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MAERCHEN-ALMANACH AUF DAS JAHR 1827

WILHELM HAUFF

Der Scheik von Alessandria Ali Banu war ein sonderbarer Mann; wenn
er morgens durch die Strassen der Stadt ging angetan mit einem Turban
aus den koestlichsten Kaschmirs gewunden mit dem Festkleide und dem
reichen Guertel der fuenfzig Kamele wert war wenn er einherging
langsamen gravitaetischen Schrittes seine Stirne in finstere Falten
gelegt seine Augenbrauen zusammengezogen die Augen niedergeschlagen
und alle fuenf Schritte gedankenvoll seinen langen schwarzen Bart
streichend; wenn er so hinging nach der Moschee um wie es seine
Wuerde forderte den Glaeubigen Vorlesungen ueber den Koran zu halten:
da blieben die Leute auf der Strasse stehen schauten ihm nach und
sprachen zueinander: "Es ist doch ein schoener stattlicher Mann und
reich ein reicher Herr" setzte wohl ein anderer hinzu "sehr reich;
hat er nicht ein Schloss am Hafen von Stambul? Hat er nicht Gueter und
Felder und viele tausend Stueck Vieh und viele Sklaven?"

"Ja" sprach ein dritter "und der Tatar der letzthin von Stambul
her vom Grossherrn selbst den der Prophet segnen moege an ihn
geschickt kam der sagte mir dass unser Scheik sehr in Ansehen stehe
beim Reis-Effendi beim Kapidschi-Baschi bei allen ja beim Sultan
selbst."

"Ja" rief ein vierter "seine Schritte sind gesegnet; er ist ein
reicher vornehmer Herr aber--aber ihr wisst was ich meine!" "Ja
ja!" murmelten dann die anderen dazwischen "es ist wahr er hat auch
ein Teil zu tragen moechten nicht mit ihm tauschen; ist ein reicher
vornehmer Herr; aber aber!"

Ali Banu hatte ein herrliches Haus auf dem schoensten Platz von
Alessandria; vor dem Hause war eine weite Terrasse mit Marmor
ummauert beschattet von Palmbaeumen; dort sass er oft abends und
rauchte seine Wasserpfeife. In ehrerbietiger Entfernung harrten dann
zwoelf reichgekleidete Sklaven seines Winkes; der eine trug seinen
Betel der andere hielt seinen Sonnenschirm ein dritter hatte Gefaesse
von gediegenem Golde mit koestlichem Sorbet angefuellt ein vierter
trug einen Wedel von Pfauenfedern um die Fliegen aus der Naehe des
Herrn zu verscheuchen; andere waren Saenger und trugen Lauten und
Blasinstrumente um ihn zu ergoetzen mit Musik wenn er es verlangte
und der gelehrteste von allen trug mehrere Rollen um ihm vorzulesen.

Aber sie harreten vergeblich auf seinen Wink; er verlangte nicht
Musik noch Gesang er wollte keine Sprueche oder Gedichte weiser
Dichter der Vorzeit hoeren er wollte keinen Sorbet zu sich nehmen
noch Betel kauen ja selbst der mit dem Faecher aus Pfauenfeder hatte
vergebliche Arbeit; denn der Herr bemerkte es nicht wenn ihn eine
Fliege summend umschwaermte. Da blieben oft die Voruebergehenden
stehen staunten ueber die Pracht des Hauses ueber die
reichgekleideten Sklaven und ueber die Bequemlichkeit womit alles
versehen war; aber wenn sie dann den Scheik ansahen wie er so ernst
und duester unter den Palmen sass seine Augen nirgends hinwandte als
auf die blaeulichen Woelkchen seiner Wasserpfeife da schuettelten sie
die Koepfe und sprachen: "Wahrlich der reiche Mann ist ein armer Mann.
Er der viel hat ist aermer als der der nichts hat; denn der
Prophet hat ihm den Verstand nicht gegeben es zu geniessen."

So sprachen die Leute lachten ueber ihn und gingen weiter.

Eines Abends als der Scheik wiederum vor der Tuere seines Hauses sass
umgeben von allem Glanz der Erde und traurig und einsam seine
Wasserpfeife rauchte standen nicht ferne davon einige junge Leute
betrachteten ihn und lachten.

"Wahrlich" sprach der eine "das ist ein toerichter Mann der Scheik
Ali Banu; haette ich seine Schaetze ich wollte sie anders anwenden.
Alle Tage wollte ich leben herrlich und in Freuden; meine Freunde
muessten bei mir speisen in den grossen Gemaechern des Hauses und Jubel
und Lachen muessten diese traurigen Hallen fuellen."

"Ja" erwiderte ein anderer. "Das waere nicht so uebel; aber viele
Freunde zehren ein Gut auf und waere es so gross als das des Sultans
den der Prophet segne; aber saesse ich abends so unter den Palmen auf
dem schoenen Platze hier da muessten mir die Sklaven dort singen und
musizieren meine Taenzer muessten kommen und tanzen und springen und
allerlei wunderliche Stuecke auffuehren. Dazu rauchte ich recht
vornehm die Wasserpfeife liesse mir den koestlichen Sorbet reichen und
ergoetzte mich an all diesem wie ein Koenig von Bagdad."

"Der Scheik" sprach ein dritter dieser jungen Leute der ein
Schreiber war "der Scheik soll ein gelehrter und weiser Mann sein
und wirklich seine Vorlesungen ueber den Koran zeugen von Belesenheit
in allen Dichtern und Schriften der Weisheit; aber ist auch sein
Leben so eingerichtet wie es einem vernuenftigen Manne geziemt? Dort
steht ein Sklave mit einem ganzen Arm voll Rollen; ich gaebe mein
Festkleid dafuer nur eine davon lesen zu duerfen; denn es sind gewiss
seltene Sachen. Aber er? Er sitzt und raucht und laesst
Buecher--Buecher sein. Waere ich der Scheik Ali Banu der Kerl muesste
mir vorlesen bis er keinen Atem mehr haette oder bis die Nacht
heraufkaeme; und auch dann noch muesste er mir lesen bis ich
entschlummert waere." "Ha! Ihr wisst mir recht wie man sich ein
koestliches Leben einrichtet" lachte der vierte; "essen und trinken
singen und tanzen Sprueche lesen und Gedichte hoeren von armseligen
Dichtern! Nein ich wuerde es ganz anders machen. Er hat die
herrlichsten Pferde und Kamele und Geld die Menge. Da wuerde ich an
seiner Stelle reisen reisen bis an der Welt Ende und selbst zu den
Moskowitern selbst zu den Franken. Kein Weg waere mir zu weit um
die Herrlichkeiten der Welt zu sehen. So wuerde ich tun waere ich
jener Mann dort."

"Die Jugend ist eine schoene Zeit und das Alter wo man froehlich ist"
sprach ein alter Mann von unscheinbarem Aussehen der neben ihnen
stand und ihre Reden gehoert hatte "aber erlaubet mir dass ich es
sage die Jugend ist auch toericht und schwatzt hier und da in den Tag
hinein ohne zu wissen was sie tut."

"Was wollt Ihr damit sagen Alter?" fragten verwundert die jungen
Leute. "Meinet Ihr uns damit? Was geht es Euch an dass wir die
Lebensart des Scheiks tadeln?"

"Wenn einer etwas besser weiss als der andere so berichtige er seinen
Irrtum so will es der Prophet" erwiderte der alte Mann "der Scheik
es ist wahr ist gesegnet mit Schaetzen und hat alles wonach das
Herz verlangt aber er hat Ursache ernst und traurig zu sein.
Meinet ihr er sei immer so gewesen? Nein ich habe ihn noch vor
fuenfzehn Jahren gesehen da war er munter und ruestig wie die Gazelle
und lebte froehlich und genoss sein Leben. Damals hatte er einen Sohn
die Freude seiner Tage schoen und gebildet und wer ihn sah und
sprechen hoerte musste den Scheik beneiden um diesen Schatz denn er
war erst zehn Jahre alt und doch war er schon so gelehrt wie ein
anderer kaum im achtzehnten."

"Und der ist ihm gestorben? Der arme Scheik!" rief der junge
Schreiber.

"Es waere troestlich fuer ihn zu wissen dass er heimgegangen in die
Wohnungen des Propheten wo er besser lebte als hier in Alessandria;
aber das was er erfahren musste ist viel schlimmer. Es war damals
die Zeit wo die Franken wie hungrige Woelfe herueberkamen in unser
Land und Krieg mit uns fuehrten. Sie hatten Alessandria ueberwaeltigt
und zogen von da aus weiter und immer weiter und bekriegten die
Mamelucken. Der Scheik war ein kluger Mann und wusste sich gut mit
ihnen zu vertragen; aber sei es weil sie luestern waren nach seinen
Schaetzen sei es weil er sich seiner glaeubigen Brueder annahm ich
weiss es nicht genau; kurz sie kamen eines Tages in sein Haus und
beschuldigten ihn die Mamelucken heimlich mit Waffen Pferden und
Lebensmitteln unterstuetzt zu haben. Er mochte seine Unschuld
beweisen wie er wollte es half nichts denn die Franken sind ein
rohes hartherziges Volk wenn es darauf ankommt Geld zu erpressen.
Sie nahmen also seinen jungen Sohn Kairam geheissen als Geisel in
ihr Lager. Er bot ihnen viel Geld fuer ihn; aber sie gaben ihn nicht
los und wollten ihn zu noch hoeherem Gebot steigern. Da kam ihnen auf
einmal von ihrem Bassa oder was er war der Befehl sich
einzuschiffen; niemand in Alessandria wusste ein Wort davon
und--ploetzlich waren sie auf der hohen See und den kleinen Kairam
Ali Banus Sohn schleppten sie wohl mit sich denn man hat nie wieder
etwas von ihm gehoert."

"O der arme Mann wie hat ihn doch Allah geschlagen!" riefen einmuetig
die jungen Leute und schauten mitleidig hin nach dem Scheik der
umgeben von Herrlichkeit trauernd und einsam unter den Palmen sass.

"Sein Weib das er sehr geliebt hat starb ihm aus Kummer um ihren
Sohn; er selbst aber kaufte sich ein Schiff ruestete es aus und bewog
den fraenkischen Arzt der dort unten am Brunnen wohnt mit ihm nach
Frankistan zu reisen um den verlorenen Sohn aufzusuchen. Sie
schifften sich ein und waren lange Zeit auf dem Meere und kamen
endlich in das Land jener Giaurs jener Unglaeubigen die in
Alessandria gewesen waren. Aber dort soll es gerade schrecklich
zugegangen sein. Sie hatten ihren Sultan umgebracht und die Paschas
und die Reichen und Armen schlugen einander die Koepfe ab und es war
keine Ordnung im Lande. Vergeblich suchten sie in jeder Stadt nach
dem kleinen Kairam niemand wollte von ihm wissen und der fraenkische
Doktor riet endlich dem Scheik sich einzuschiffen weil sie sonst
wohl selbst um ihre Koepfe kommen koennten.

So kamen sie wieder zurueck und seit seiner Ankunft hat der Scheik
gelebt wie an diesem Tag denn er trauert um seinen Sohn und er hat
recht. Muss er nicht wenn er isst und trinkt denken jetzt muss
vielleicht mein armer Kairam hungern und duersten?

Und wenn er sich bekleidet mit reichen Schals und Festkleidern wie
es sein Amt und seine Wuerde will muss er nicht denken jetzt hat er
wohl nichts womit er seine Bloesse deckt? Und wenn er umgeben ist von
Saengern und Taenzern und Vorlesern seinen Sklaven denkt er da nicht
jetzt muss wohl mein armer Sohn seinem fraenkischen Gebieter Spruenge
vormachen und musizieren wie er es haben will? Und was ihm den
groessten Kummer macht er glaubt der kleine Kairam werde so weit vom
Lande seiner Vaeter und mitten unter Unglaeubigen die seiner spotten
abtruennig werden vom Glauben seiner Vaeter und er werde ihn einst
nicht umarmen koennen in den Gaerten des Paradieses!

Darum ist er auch so mild gegen seine Sklaven und gibt grosse Summen
an die Armen; denn er denkt Allah werde es vergelten und das Herz
seiner fraenkischen Herren ruehren dass sie seinen Sohn mild behandeln.
Auch gibt er jedesmal wenn der Tag kommt an welchem ihm sein Sohn
entrissen wurde zwoelf Sklaven frei."

"Davon habe ich auch schon gehoert" entgegnete der Schreiber "aber
man traegt sich mit wundervollen Reden; von seinem Sohne wurde dabei
nichts erwaehnt; wohl aber sagte man er sei ein sonderbarer Mann und
ganz besonders erpicht auf Erzaehlungen; da soll er jedes Jahr unter
seinen Sklaven einen Wettstreit anstellen und wer am besten erzaehlt
den gibt er frei." "Verlasset euch nicht auf das Gerede der Leute"
sagte der alte Mann "es ist so wie ich es sage und ich weiss es
genau; moeglich ist dass er sich an diesem schweren Tage aufheitern
will und sich Geschichten erzaehlen laesst; doch gibt er sie frei um
seines Sohnes willen. Doch der Abend wird kuehl und ich muss
weitergehen. Salem aleikum Friede sei mit euch ihr jungen Herren
und denket in Zukunft besser von dem guten Scheik!"

Die jungen Leute dankten dem Alten fuer seine Nachrichten schauten
noch einmal nach dem trauernden Vater und gingen die Strasse hinab
indem sie zueinander sprachen: "Ich moechte doch nicht der Scheik Ali
Banu sein."

Nicht lange Zeit nachdem diese jungen Leute mit dem alten Mann ueber
den Scheik Ali Banu gesprochen hatten traf es sich dass sie um die
Zeit des Morgengebets wieder diese Strasse gingen. Da fiel ihnen der
alte Mann und seine Erzaehlung ein und sie beklagten zusammen den
Scheik und blickten nach seinem Hause. Aber wie staunten sie als
sie dort alles aufs herrlichste ausgeschmueckt fanden! Von dem Dache
wo geputzte Sklavinnen spazierengingen wehten Wimpeln und Fahnen
die Halle des Hauses war mit koestlichen Teppichen belegt Seidenstoff
schloss sich an diese an der ueber die breiten Stufen der Treppe
gelegt war und selbst auf der Strasse war noch schoenes feines Tuch
ausgebreitet wovon sich mancher wuenschen mochte zu einem Festkleid
oder zu einer Decke fuer die Fuesse.

"Ei wie hat sich doch der Scheik geaendert in den wenigen Tagen!"
sprach der junge Schreiber. "Will er ein Fest geben? Will er seine
Saenger und Taenzer anstrengen? Seht mir diese Teppiche! Hat sie
einer so schoen in ganz Alessandria! Und dieses Tuch auf dem gemeinen
Boden wahrlich es ist schade dafuer!"

"Weisst du was ich denke?" sprach ein anderer. "Er empfaengt
sicherlich einen hohen Gast; denn das sind Zubereitungen wie man sie
macht wenn ein Herrscher von grossen Laendern oder ein Effendi des
Grossherrn ein Haus mit seinem Besuch segnet. Wer mag wohl heute
hierherkommen?"

"Siehe da geht dort unten nicht unser Alter von letzthin? Ei der
weiss ja alles und muss auch darueber Aufschluss geben koennen. Heda!
Alter Herr! Wollet Ihr nicht ein wenig zu uns treten?" So riefen sie;
der alte Mann aber bemerkte ihre Winke und kam zu ihnen; denn er
erkannte sie als die jungen Leute mit welchen er vor einigen Tagen
gesprochen. Sie machten ihn aufmerksam auf die Zuruestungen im Hause
des Scheiks und fragten ihn ob er nicht wisse welch hoher Gast wohl
erwartet werde.

"Ihr glaubt wohl" erwiderte er "Ali Banu feiere heute ein grosses
Freudenfest oder der Besuch eines grossen Mannes beehre sein Haus?
Dem ist nicht also; aber heute ist der zwoelfte Tag des Monats Ramadan
wie ihr wisset und an diesem Tag wurde sein Sohn ins Lager gefuehrt."

"Aber beim Bart des Propheten!" rief einer der jungen Leute. "Das
sieht ja alles aus wie Hochzeit und Festlichkeiten und doch ist es
sein beruehmter Trauertag wie reimt Ihr das zusammen? Gesteht der
Scheik ist denn doch etwas zerruettet im Verstand."

"Urteilt Ihr noch immer so schnell mein junger Freund?" fragte der
Alte laechelnd. "Auch diesmal war Euer Pfeil wohl spitzig und scharf
die Sehne Eures Bogens straff angezogen und doch habt Ihr weitab vom
Ziele geschossen. Wisset dass heute der Scheik seinen Sohn erwartet."

"So ist er gefunden?" riefen die Juenglinge und freuten sich. "Nein
und er wird sich wohl lange nicht finden; aber wisset: Vor acht oder
zehn Jahren als der Scheik auch einmal mit Trauern und Klagen diesen
Tag beging auch Sklaven freigab und viele Arme speiste und traenkte
da traf es sich dass er auch einem Derwisch der muede und matt im
Schatten jenes Hauses lag Speise und Trank reichen liess. Der
Derwisch aber war ein heiliger Mann und erfahren in Prophezeiungen
und im Sterndeuten. Der trat als er gestaerkt war durch die milde
Hand des Scheiks zu ihm und sprach: 'Ich kenne die Ursache deines
Kummers; ist nicht heute der zwoelfte Ramadan und hast du nicht an
diesem Tage deinen Sohn verloren? Aber sei getrost dieser Tag der
Trauer wird dir zum Festtag werden denn wisse an diesem Tage wird
einst dein Sohn zurueckkehren!' So sprach der Derwisch. Es waere Suende
fuer jeden Muselmann an der Rede eines solchen Mannes zu zweifeln;
der Gram Alis wurde zwar dadurch nicht gemildert aber doch harrt er
an diesem Tage immer auf die Rueckkehr seines Sohnes und schmueckt sein
Haus und seine Halle und die Treppen als koenne jener zu jeder Stunde
anlangen."

"Wunderbar!" erwiderte der Schreiber. "Aber zusehen moechte ich doch
wie alles so herrlich bereitet ist wie er selbst in dieser
Herrlichkeit trauert und hauptsaechlich moechte ich zuhoeren wie er
sich von seinen Sklaven erzaehlen laesst."

"Nichts leichter als dies" antwortete der Alte. "Der Aufseher der
Sklaven jenes Hauses ist mein Freund seit langen Jahren und goennt mir
an diesem Tage immer ein Plaetzchen in dem Saal wo man unter der
Menge der Diener und Freunde des Scheiks den einzelnen nicht bemerkt.
Ich will mit ihm reden dass er euch einlaesst; ihr seid ja nur zu
viert und da kann es schon gehen; kommet um die neunte Stunde auf
diesen Platz und ich will euch Antwort geben."

So sprach der Alte; die jungen Leute aber dankten ihm und entfernten
sich voll Begierde zu sehen wie sich dies alles begeben wuerde.

Sie kamen zur bestimmten Stunde auf den Platz vor dem Hause des
Scheik und trafen da den Alten der ihnen sagte dass der Aufseher der
Sklaven erlaubt habe sie einzufuehren. Er ging voran doch nicht
durch die reichgeschmueckten Treppen und Tore sondern durch ein
Seitenpfoertchen das er sorgfaeltig wieder verschloss. Dann fuehrte er
sie durch mehrere Gaenge bis sie in den grossen Saal kamen. Hier war
ein grosses Gedraenge von allen Seiten; da waren reichgekleidete Maenner
angesehene Herren der Stadt und Freunde des Scheik die gekommen
waren ihn in seinem Schmerz zu troesten. Da waren Sklaven aller Art
und aller Nationen. Aber alle sahen kummervoll aus; denn sie liebten
ihren Herrn und trauerten mit ihm. Am Ende des Saales auf einem
reichen Diwan sassen die vornehmsten Freunde Alis und wurden von den
Sklaven bedient. Neben ihnen auf dem Boden sass der Scheik; denn die
Trauer um seinen Sohn erlaubte ihm nicht auf dem Teppich der Freude
zu sitzen. Er hatte sein Haupt in die Hand gestuetzt und schien wenig
auf die Troestungen zu hoeren die ihm seine Freunde zufluesterten. Ihm
gegenueber sassen einige alte und junge Maenner in Sklaventracht. Der
Alte belehrte seine jungen Freunde dass dies die Sklaven seien die
Ah Banu an diesem Tage freigebe. Es waren unter ihnen auch einige
Franken und der Alte machte besonders auf einen von ihnen aufmerksam
der von ausgezeichneter Schoenheit und noch sehr jung war. Der
Scheik hatte ihn erst einige Tage zuvor einem Sklavenhaendler von
Tunis um eine grosse Summe abgekauft und gab ihn dennoch jetzt schon
frei weil er glaubte je mehr Franken er in ihr Vaterland
zurueckschicke desto frueher werde der Prophet seinen Sohn erloesen.

Nachdem man ueberall Erfrischungen umhergereicht hatte gab der Scheik
dem Aufseher der Sklaven ein Zeichen. Dieser stand auf und es ward
tiefe Stille im Saal. Er trat vor die Sklaven welche freigelassen
werden sollten und sprach mit vernehmlichen Stimme: "Ihr Maenner die
ihr heute frei sein werdet durch die Gnade meines Herrn Ali Banu des
Scheik von Alessandria tuet nur wie es Sitte ist an diesem Tage in
seinem Hause und hebet an zu erzaehlen!"

Sie fluesterten untereinander. Dann aber nahm ein alter Sklave das
Wort und fing an zu erzaehlen:

Der Zwerg Nase

Wilhelm Hauff

Herr! Diejenigen tun sehr unrecht welche glauben es habe nur zu
Zeiten Haruns Al-Raschid des Beherrschers von Bagdad Feen und
Zauberer gegeben oder die gar behaupten jene Berichte von dem
Treiben der Genien und ihrer Fuersten welche man von den Erzaehlern
auf den Maerkten der Stadt hoert seien unwahr. Noch heute gibt es
Feen und es ist nicht so lange her dass ich selbst Zeuge einer
Begebenheit war wo offenbar die Genien im Spiele waren wie ich euch
berichten werde.

In einer bedeutenden Stadt meines lieben Vaterlandes Deutschlands
lebte vor vielen Jahren ein Schuster mit seiner Frau schlicht und
recht. Er sass bei Tag an der Ecke der Strasse und flickte Schuhe und
Pantoffeln und machte wohl auch neue wenn ihm einer welche
anvertrauen mochte; doch musste er dann das Leder erst einkaufen denn
er war arm und hatte keine Vorraete. Seine Frau verkaufte Gemuese und
Fruechte die sie in einem kleinen Gaertchen vor dem Tore pflanzte und
viele Leute kauften gerne bei ihr weil sie reinlich und sauber
gekleidet war und ihr Gemuese auf gefaellige Art auszubreiten wusste.

Die beiden Leutchen hatten einen schoenen Knaben angenehm von Gesicht
wohlgestaltet und fuer das Alter von zwoelf Jahren schon ziemlich gross.
Er pflegte gewoehnlich bei der Mutter auf dem Gemuesemarkt zu sitzen
und den Weibern oder Koechen die viel bei der Schustersfrau
eingekauft hatten trug er wohl auch einen Teil der Fruechte nach
Hause und selten kam er von einem solchen Gang zurueck ohne eine
schoene Blume oder ein Stueckchen Geld oder Kuchen; denn die
Herrschaften dieser Koeche sahen es gerne wenn man den schoenen Knaben
mit nach Hause brachte und beschenkten ihn immer reichlich.

Eines Tages sass die Frau des Schusters wieder wie gewoehnlich auf dem
Markte sie hatte vor sich einige Koerbe mit Kohl und anderm Gemuese
allerlei Kraeuter und Saemereien auch in einem kleineren Koerbchen
fruehe Birnen Aepfel und Aprikosen. Der kleine Jakob so hiess der
Knabe sass neben ihr und rief mit heller Stimme die Waren aus:
"Hierher ihr Herren seht welch schoener Kohl wie wohlriechend
diese Kraeuter; fruehe Birnen ihr Frauen fruehe Aepfel und Aprikosen
wer kauft? Meine Mutter gibt es wohlfeil." So rief der Knabe. Da
kam ein altes Weib ueber den Markt her; sie sah etwas zerrissen und
zerlumpt aus hatte ein kleines spitziges Gesicht vom Alter ganz
eingefurcht rote Augen und eine spitzige gebogene Nase die gegen
das Kinn hinabstrebte; sie ging an einem langen Stock und doch
konnte man nicht sagen wie sie ging; denn sie hinkte und rutschte
und wankte; es war als habe sie Raeder in den Beinen und koenne alle
Augenblicke umstuelpen und mit der spitzigen Nase aufs Pflaster fallen.

Die Frau des Schusters betrachtete dieses Weib aufmerksam. Es waren
jetzt doch schon sechzehn Jahre dass sie taeglich auf dem Markte sass
und nie hatte sie diese sonderbare Gestalt bemerkt. Aber sie
erschrak unwillkuerlich als die Alte auf sie zuhinkte und an ihren
Koerben stillstand.

"Seid Ihr Hanne die Gemuesehaendlerin?" fragte das alte Weib mit
unangenehmer kraechzender Stimme indem sie bestaendig den Kopf hin
und her schuettelte.

"Ja die bin ich" antwortete die Schustersfrau "ist Euch etwas
gefaellig?"

"Wollen sehen wollen sehen! Kraeutlein schauen Kraeutlein schauen
ob du hast was ich brauche" antwortete die Alte beugte sich nieder
vor den Koerben und fuhr mit ein Paar dunkelbraunen haesslichen Haenden
in den Kraeuterkorb hinein packte die Kraeutlein die so schoen und
zierlich ausgebreitet waren mit ihren langen Spinnenfingern brachte
sie dann eins um das andere hinauf an die lange Nase und beroch sie
hin und her. Der Frau des Schusters wollte es fast das Herz
abdrucken wie sie das alte Weib also mit ihren seltenen Kraeutern
hantieren sah; aber sie wagte nichts zu sagen; denn es war das Recht
des Kaeufers die Ware zu pruefen und ueberdies empfand sie ein
sonderbares Grauen vor dem Weibe. Als jene den ganzen Korb
durchgemustert hatte murmelte sie: "Schlechtes Zeug schlechtes
Kraut nichts von allem was ich will war viel besser vor fuenfzig
Jahren; schlechtes Zeug schlechtes Zeug!"

...



 
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