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DER TRAUM EIN LEBEN
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DER TRAUM EIN LEBEN

FRANZ GRILLPARZER

Dramatisches Maerchen in vier Aufzuegen

Personen:

Massud ein reicher Landmann
Mirza seine Tochter
Rustan sein Neffe
Zanga Negersklave
Der Koenig von Samarkand
Guelnare seine Tochter
Der alte Kaleb

(stumm)

Karkhan
Der Mann vom Felsen
Ein altes Weib
Ein Koeniglicher Kaemmerer
Ein Hauptmann
Erster und Zweiter Anfuehrer
Eine Dienerin Guelnarens
Gefolge und Kaemmerlinge des Koenigs
Frauen und Dienerinnen Guelnarens
Zwei Verwandte Karkhans
Zwei Knaben. Diener. Krieger. Volk (beiderlei Geschlechts)

Erster Aufzug

(Laendliche Gegend mit Felsen und Baeumen. Links im Vorgrunde eine
Huette. Neben der Tuer eine Bank. Sommerabend.
Hoernertoene erschallen aus der Ferne.)

Mirza (kommt aus der Huette).
Horch! War das nicht Hoernerschall?
Ja er ist's! Er kommt! Er naht! Doch so spaet erst!--Warte
Wilder
Du sollst mir's fuerwahr entgelten!
Unerbittlich will ich sein
Schmollen will ich zuernen schelten
Und nur spaet--erst spaet verzeihn. Ja verzeihn! Das ist es eben
Darin liegt das Mass des Ungluecks.
Oh man sollte grollen koennen
Grollen so wie andre fehlen
Lang und unabaenderlich
Dass Verzeihung Preis der Bessrung
Und nicht Lohn des Fehlers schiene.
Denn es ist fuerwahr nicht billig
Dass die Strafe der Beleid'gung
Nicht einmal so lange waehre
Ach als der Beleid'gung Schmerz.
Koennt' ich trotzig sein wie er
Oh ich weiss er waere milder. Doch wo bleibt er? Dort herueber
Schien des Hornes Ton zu kommen.

(Zuruecktretend und nach allen Seiten blickend.)

Dort vom Huegel steigt ein Mann
Mit des Weidwerks Raub beladen.
Ob er's ist?--Die Sonne blendet.
Scheidend an der Berge Saum
Schuettet sie in Glut versunken
Ihres Brandes letzte Funken
Durch die abendliche Flur
Auf des spaeten Wandrers Spur. Jetzo wendet er das Antlitz!
Rustan!?--Armes oft getaeuschtes Herz!
Wohl ein Jaeger schreitet her
Rasch befluegelnd seine Schritte
In der lauten Doggen Mitte
Wohl ein Jaeger doch nicht er. Trage wunder Busen trage
Bist des Tragens ja gewohnt!

(Setzt sich.)

(Abend) ist's die Schoepfung (feiert)
Und die Voegel aus den Zweigen
Wie beschwingte Silbergloeckchen
Laeuten aus den Feier(abend)
Schon bereit ihr suess Gebot
Ruhend selber zu erfuellen.
Alles folgt dem leisen Rufe
Alle Augen fallen zu;
Zu den Huerden zieht die Herde
Und die Blume senkt in Ruh'
Schlummerschwer das Haupt zur Erde. Ferneher vom duestern Osten
Steigt empor die stille Nacht;
Ausgeloescht des Tages Kerzen
Breitet sie den dunkeln Vorhang
Um die Haeupter ihrer Lieben
Und summt saeuselnd sie in Schlaf. Alles ruht nur er allein
Streift noch durch den stillen Hain
Um in Berges dunkeln Schluenden
Was er hier vermisst zu finden.
Und mich martert hier die Sorge
Und mich toetet hier die Angst. Jener Jaeger Kaleb ist's
Sieh sein Weib eilt ihm entgegen
Mit dem Kleinen an der Brust.
Wie er eilt sie zu erreichen!
Und der Knabe streckt die Haende
Jauchzend nach dem Vater aus. Ihr seid gluecklich!--Ja ihr seid's!

(Sie versinkt in Nachdenken.)
(Massud kommt aus der Huette.)

Massud.
Mirza!

Mirza.
Rustan!

Massud.
Ich bin's Mirza!
Maedchen laessest du den Vater
In der Daemmrung so allein?

Mirza.
Ach verzeiht ich wollte sehen--

Massud.
Ob er komme?

Mirza.
Ach ja wohl.

Massud.
Nun und--?

Mirza.
Keine Spur.

Massud.
's ist spaet.

Mirza.
Nacht beinahe. Alle Jaeger
Ringsum aus der ganzen Gegend
Sind zurueck schon von den Bergen.
Glaubt mir denn ich kenne alle
Die in jenen Bergen jagen
Muss ich sie nicht taeglich zaehlen
Wenn den letzten ich erwarte?
Alle Jaeger sind zurueck
Er allein streift noch im Dunkeln.

Massud.
Ja fuerwahr ein wilder Geist
Wohnt in seinem duestern Busen
Herrscht in seinem ganzen Tun
Und laesst nimmerdar ihn ruhn.
Nur von Kaempfen und von Schlachten
Nur von Kronen und Triumphen
Von des Kriegs der Herrschaft Zeichen
Hoert man sein Gespraech ertoenen;
Ja des Nachts entschlummert kaum
Spricht von Kaempfen selbst sein Traum.
Waehrend wir des Feldes Muehn
Und des Hauses Sorge teilen
Sieht man ihn bei Morgens Gluehn
Schon nach jenen Bergen eilen.
Dort nur dort im duestern Wald
Ist des Rauhen Aufenthalt
Du bist alles ist vergessen
Und es scheint ihm hohe Lust
Mal die Wildheit seiner Brust
An des Waldes Wild zu messen.
Das ist ein unselig Treiben!
Ich beklage dich mein Kind.

Mirza.
Scheltet drum ihn nicht mein Vater!
War er doch nicht immer so.
Oh ich weiss wohl eine Zeit
Wo er sanft war fromm und mild
Wo er stundenlange sass
Auf dem Grund zu meinen Fuessen
Bald des Hauses Arbeit teilend
Bald ein Maerchen mir erzaehlend
Bald--o glaubt mir lieber Vater
Er war damals sanft und gut.
Hat er seither sich veraendert
Ei er kann sich wieder aendern
Und er wird's gewiss er wird's.

Massud.
Waehnst du mich zu ueberzeugen
Und kannst es dich selber nicht?

Mirza.
Glaubt mein Vater dieser Sklave
Zanga er traegt alle Schuld.
Seit er trat in unsre Huette
Seit erklang sein Schmeichelwort
Floh die Ruh' aus unsrer Mitte
Und aus Rustans Busen fort.
Rustan wahr ist's schon als Knabe
Horcht' er gerne grossen Taten
Uebt' er gerne Ungewohntes
Wollt' er gerne was er kann
Waer' das schlimm? Er ist ein Mann.
Stets doch hielt er die Gedanken
In des Hauses frommen Schranken
Und gebot dem raschen Mut.
Zanga kam. Sein Hauch verstohlen
Blies die Asche von den Kohlen
Und entflammte hoch die Glut. Oh ich habe sie belauscht!
Oft wenn Rustan mir versprochen
Nicht zu gehen nach den Bergen
Und er still und ruhig sass;
Da trat Zanga vor ihn hin
Und von Schlachten hoert' ich's toenen
Und von Kaempfen und von Siegen.
Hoch empor und immer hoeher
Stieg die Glut in Rustans Wangen
Jede seiner Fibern zuckte
Und die Haende ballten sich;
Aus den tiefgezognen Brauen
Schossen Blitze wilden Feuers
Und zuletzt--
da sprang er auf
Langte von der Wand den Bogen
Warf den Koecher um den Nacken
Und hinaus--hinaus zum Walde!

Massud.
Armes Kind! und achtet nicht
Hart und sorglos der Verkehrte!
Deines Kummers deiner Angst.

Mirza.
Angst? Warum denn Angst mein Vater?
Oh ich weiss der starke Rustan
Kennt nicht Furcht und nicht Gefahr.
Dann ist Zanga ja mit ihm.

Massud.
(Doch) nur zwei.

Mirza.
Er zaehlt fuer viele.

Massud.
In der Nacht--

Mirza.
Er kennt den Pfad.

Massud.
Wie so leicht ein wildes Tier--

Mirza.
Oh es (flieht) das Wild den Jaeger!

Massud.
Oder gar--

Mirza.
Was Vater was?
Sprecht es aus und toetet mich!

Massud.
Armes Kind das ist dein Los
Wenn dich wie ich sonst wohl dachte
Einst an ihn ein festres Band--

Mirza.
Vater es wird kuehl wir wollen
In die Huette doch zurueck.
Eh' wir's denken kommt auch er.

Massud.
Nun so sei's denn wie es ist!
Die dort oben moegen walten.
Was ihn heut zurueckehaelt
Denk ich wohl beinah zu wissen.

Mirza.
Wie? Ihr wisst? O sprecht!

Massud.
Dein Derwisch
Der besorgte fromme Mann
Der dort haust in jenem Walde
Sandte kaum nur schnelle Botschaft
Mir zu melden dass man sage
Rustan habe Streit erhoben
Auf der Jagd mit einem Weidmann.

Mirza.
Streit? Mit wem?

Massud.
Mit Osmin heisst es
Unsers Emirs aeltstem Sohn
Der am Hof zu Samarkand
In des Koenigs Kammer dienet
Und mit Urlaub bei dem Vater
Sich den Jaegern beigesellt.
Rustan schlug nach ihm und--

Mirza.
Mehr noch?

Massud.
Und sie griffen zu den Waffen.

Mirza.
Waffen?

Massud.
Doch man schied sie schnell
Und der Streit ward ausgetragen.

Mirza.
Doch vielleicht--

Massud.
Sei ruhig Kind!
Osmin ist schon heimgekehrt
Und nichts weiter zu besorgen.
Aber Rustan ahnet wohl
Dass mir Kunde seiner Raschheit
Und er scheut mir zu begegnen.
Kaum wird's vollends Nacht so schleicht er
Seines Oheims Blick vermeidend
Leise wohl in sein Gemach.
Darum Mirza lass uns gehn;
Unsre Gegenwart beduenkt mich
Hielt ihn wohl so lange fern.

Mirza.
Und Ihr zuernt ihm?

Massud.
Sollt' ich nicht?
Siehst du mich schon flehend an?
Oh ich weiss wohl jedes Wort
Tadelnd rauh zu ihm gesprochen
Wie ein Pfeil aus schwachen Haenden
Prallt von seinem starren Busen
Und dringt in dein weiches Herz.
Komm nur komm! Ich will nicht schelten.

(Beide in die Huette ab.)
(Pause. Dann schleicht Zanga nach allen Seiten umherspaehend
herein.)

Zanga.
Kommt nur Herr! die Luft ist rein!

(Rustan tritt auf mit Bogen und Koecher.)

Zanga.
Munter Herr! was soll das heissen?
Warum duester und beklommen?
Was ist Arges denn geschehn?
Dass Ihr einem platten Jungen
Der recht unverstaendig prahlte
Euch zu hoehnen sich erfrechte
Etwas unsanft mitgespielt
Das ist alles. Und was weiter?
Euer Oheim wird wohl schelten;
Sei es drum! Goennt ihm die Lust.

Rustan.
Glaubst du dass ich seine Worte
Seines Tadels Ausbruch scheue?
Nimmer brauch ich zu erroeten
Was ich tat kann ich vertreten;
Koennt' ich's nicht ich waer' nicht hier.
Nicht der Schmerz den mir sein Zuernen
Der den es ihm selber kostet
Macht mich seinen Anblick fliehn.
Koennt' er all doch seine Sorge
Seine Angst um mich mit einem
Einem Feuergusse stroemen
Auf dies unverwahrte Herz
Und dann kalt und ruhig bleiben
Bei des Wilden Tun und Treiben
Hier! er kuehle seinen Schmerz.
Aber dass ich sehen muss
Wie der Nahverwandten Wuensche
Gleich entzuegelt wilden Pferden
Nord- und suedenwaerts gespannt
An dem Leichnam unsers Friedens
Raschgespornt zerfleischend reissen;
Dass ich sehe wie wir beide
Buergern gleich aus fremden Zonen
Bang uns gegenueberstehn
Sprechen und uns nicht begreifen
Einer mit dem andern zuernend
Ob gleich Lieb' in beider Herzen
Weil was Brot in einer Sprache
Gift heisst in des andern Zunge
Und der Gruss der frommen Lippe
Fluch scheint in dem fremden Ohr:
Das ruft diesen Schmerz empor.

Zanga.
Nun so lernt denn seine Sprache
Er wird Eure nimmer lernen!
Und wer weiss? An Lektionen
Laesst's der alte Herr nicht fehlen.
Bleibt im Land und naehrt Euch redlich!
Auch die Ruhe hat ihr Schoenes.

Rustan.
Spotte nicht! Denk an Osmin!
Gleicher Lohn harrt gleicher Frechheit.
Ha bei Gott! Es soll kein Prahler
Trotzig vor mich hin sich stellen
Und mich mit den Augen messen
Den verschaemten keuschen Degen
Wiegend auf den glatten Schenkeln.
Er soll's nicht wenn nicht sein Kopf
Haerter ist als Osmins Schaedel
Tuecht'ger ist als diese Faust.
Bin ich nichts ich kann noch werden
Rasch und hoch ist Heldenbrauch;
Was ein andrer kann auf Erden
Ei bei Gott! das kann ich auch.

Zanga.
Herr Ihr sprecht nach meinem Herzen.
...



 
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