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DER VERSCHWENDER
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DER VERSCHWENDER

FERDINAND RAIMUND

Original-Zaubermaerchen in drei Aufzuegen (1834)

Personen:

Erster Aufzug:
Fee Cheristane
Azur ihr dienstbarer Geist
Julius von Flottwell ein reicher Edelmann
Wolf sein Kammerdiener
Valentin sein Bedienter
Rosa Kammermaedchen dessen Geliebte
Chevalier Dumont Flottwells Freund
Herr von Pralling Flottwells Freund
Herr von Helm Flottwells Freund
Herr von Walter Flottwells Freund
Gruendling Baumeister
Sockel Baumeister
Fritz Bedienter
Johann Bedienter
Dienerschaft Jaeger. Gaeste in Flottwells Schoss. Genien

Zweiter Aufzug
(spielt um drei Jahre spaeter):
Ein Bettler
Julius von Flottwell
Wolf Kammerdiener
Valentin Bedienter
Rosa Kammermaedchen
Praesident von Klugheim
Amalie seine Tochter
Baron Flitterstein
Chevalier Dumont
Herr von Walter
Ein Juwelier
Ein Arzt
Ein altes Weib
Ein Haushofmeister
Ein Kellermeister
Ein Diener
Betti Kammermaedchen
Max Schiffer
Thomas Schiffer
Gaeste. Bediente. Taenzer. Taenzerinnen

Dritter Aufzug
(spielt um zwanzig Jahre spaeter):
Fee Cheristane
Azur ihr dienstbarer Geist
Julius von Flottwell
Herr von Wolf
Valentin Holzwurm ein Tischlermeister
Rosa sein Weib
Ihre Kinder Liese Michael Hansel Hiesel und Pepi (vier Jahre alt)
Ein Gaertner
Ein Bedienter
Bediente. Nachbarsleute. Bauern. Senner und Sennerinnen. Genien

Erster Aufzug

Erster Auftritt

Vorsaal in Flottwells Schloss. Mit Mittel- und vier Seitentueren
vorne ein Fenster. Dienerschaft in reichen Livreen ist im Saale
beschaeftigt. Einige tragen auf silbernen Tassen Kaffee Tee
Champagner ausgebuerstete Kleider nach den Gemaechern der Gaeste.
Fritz und Johann ordnen an. Ein paar Jaeger putzen Gewehre.

Chor.
Hurtig! Hurtig! Macht doch weiter!
Holt Champagner! Kaffee! Rum!
Bringt den Gaesten ihre Kleider
Tummelt euch ein wenig um.
Alles sei hier vornehm gross
In des reichen Flottwells Schloss.

(Im Hofe ertoenen Jagdhoerner. Alle ab bis auf Fritz und Johann
welche ans Fenster treten.)

Fritz. Ja blast nur zu! Da koennt ihr noch lange blasen. Die
Herrschaften sind erst aufgestanden. Heute wird es eine spaete
Jagd geben.

Johann. Das Spiel hat ja bis zwei Uhr gedauert.

Fritz. Ja wenn sie nach dem Souper zu spielen anfangen! Da ist
kein Ende.

Johann (lachend). Aber heute Nacht haben sie den Herrn schoen gerupft.

Fritz. Ich kann mich aergern dass er so viel verspielt.

Johann. Warum denn? Er wills ja nicht anders. Die reichen Leute
sollen die Langeweile bezahlen die sie andern verursachen.

Fritz. Ah ueber den gnaedgen Herrn ist nichts zu sagen. Das ist
ein wahrhaft nobler Mann. Er bewirtet nicht nur seine Freunde
er unterstuetzt die ganze Welt. Die Bauern hoer ich zahlen ja
fast niemals eine Abgabe.

Johann. Er hat mir nur zu heftige Leidenschaften. Wart bis du
ihn einmal in Wut erblickst. Da schont er weder sein noch eines
andern Glueck. Da kann alles zugrunde gehen.

Fritz. Aber wenn er sich besinnt ersetzt ers sicher dreifach
wieder.

Johann (achselzuckend). Ja! Wenns nur immer so fortgeht.

Fritz. Wer ist denn der junge Mann der gestern angekommen ist?
Ein scharmanter Mensch.

Johann. Das weiss ich nicht. Das wird sich schon noch zeigen. Fuer
mich gibt es nur zweierlei Menschen. Menschen die Trinkgeld
geben und Menschen die keines geben. Das bestimmt meine
Dienstfertigkeit.

Fritz. Ich finde dass er sehr hoeflich ist.

Johann. Da wird er vermutlich sehr wenig geben. Wer mich mit
Hoeflichkeit beschenkt macht mich melancholisch. Aber wenn mir
einer so einen Dukaten hinwirft und zuruft: Schlingel heb ihn
auf! da denk ich mir: Ha! welch eine Lust ist es ein Schlingel
zu sein!

Zweiter Auftritt

Vorige. Pralling.

Pralling (tritt einen Schritt aus seinem Kabinett und ruft).
He! Bediente!

Beide (sehen sich um). Ja! Befehlen?

Pralling. Ich habe schon zweimal geklingelt. Wollen Sie so
gefaellig sein mir Rum zu bringen?

Johann (vornehm nickend). Sogleich mein Herr! (Zu Fritz.)
Hast du den gehoert? Der hat mir in sechs Wochen noch keinen
Pfennig Trinkgeld gegeben und ein solcher Mann hat bei mir
keinen Anspruch auf Rum zu machen. Den lass ich warten.

Fritz. Oh auf den acht ich auch nicht. Der Herr haelt ja nicht
viel auf ihn.

Johann. Das ists auf was man sehen muss. Auch der Kammerdiener
mag ihn nicht.

Fritz. Nun wenn ihn der nicht mag da kann er sich bald aus
dem Schlosse trollen. Der wird ihn schon gehoerig zu verleumden
suchen.

Johann. Ja der reitet auf der Gunst des gnaedgen Herrn und
niemand kann ihn aus dem Sattel werfen.

Fritz. Du kennst ja seinen Wahlspruch: Alles fuer den Nutzen
meines gnaedgen Herrn und dabei stopft er sich die Taschen voll.

Johann. Das wird aber auch eine schoene Waesche geben wenn dem
seine Betruegereien einmal ans Tagslicht kommen. Ich kenne keinen
raffinierteren Schurken. Da ist unsereiner gerade nichts dagegen.

Dritter Auftritt

Vorige. Wolf aus dem Kabinette rechts. Sein Betragen ist gegen
Diener sehr nobel stolz gegen Hoehere sehr demuetig.

Wolf (hoert die letzten Worte). Schon wieder Konferenz? Von wem
war hier die Rede?

Johann. Von einem guten Freund.

Wolf. Nu ihr seid solcher Freundschaft wert! Ist alles besorgt?
Die Gaeste bedient?

Johann. Auf das puenktlichste!

Wolf. Der gnaedge Herr laesst euch verbieten von den Gaesten
Geschenke anzunehmen. Ihr habt sie von seiner Freigebigkeit
zu fordern.

Beide. Dann haben wir dadurch gewonnen.

Wolf. Seid uneigennuetzig. Das ist eine grosse Tugend.

Johann. Aber eine sehr schwere--nicht wahr Herr Kammerdiener?

Wolf. Wo ist der Valentin? Hat er die Quittung von der Saengerin
gebracht?

Fritz. Er ist noch nicht zurueck obwohl der gnaedige Herr befohlen
hat er muesste bei der Jagd erscheinen damit die Herren auf der
Jagd etwas zu lachen haetten.

Wolf (laechelnd). Ein wahrhaft unschaedlicher Bursche.

Johann. Da sollten doch der Herr Kammerdiener ein Werk der
Barmherzigkeit ausueben und den gemeinen Kerl aus dem Hause bringen.

Wolf. Gott bewahre mich vor solcher Ungerechtigkeit. Das waere
gegen die Gesinnung meiner gnaedgen Herrschaft. Der Bursche ist
zwar plump und roh doch gutmuetig und treu. Dann steht er in der
Gunst des Herrn der seine Diener alle liebt wie eigne Kinder.
Ja das ist wohl ein seltner Mann der in der Welt nicht
seinesgleichen findet. Und wollte man sein Lob in Buechern
schreiben man wuerde nie damit zu Ende kommen. Drum dankt dem
Himmel der euch in dies Haus gefuehrt denn wer ihm treu dient
der hat sich wahrlich selbst gedient. Das Fruehstueck fuer den
gnaedgen Herrn!

Fritz. Sogleich! (Geht ab.)

Johann (im Abgehen). Die Moralitaet dieses Menschen wird mich
noch unter die Erde bringen. (Ab.)

Wolf. Das sind ein paar feine durchgetriebne Schufte. Die muss
ich mir vom Halse schaffen.

Vierter Auftritt

Voriger. Baumeister Gruendling.

Gruendling. Guten Morgen Herr Kammerdiener kann ich die Ehre
haben Herrn von Flottwell meine Aufwartung zu machen?

Wolf. Herr Baumeister ich muss um Verzeihung bitten aber Seiner
Gnaden haben mir soeben befohlen Sie bei jedermann zu
entschuldigen denn Sie machen heute eine Jagdpartie.

Gruendling. Wissen Sie nicht Herr Kammerdiener ob Herr von
Flottwell meinen Plan zu dem Bau des neuen Schlosses fuer gut
befunden hat?

Wolf. Er hat ihm sehr gefallen. Nur hat sich der Umstand ereignet
dass ihm auch ein anderer Baumeister einen aehnlichen Plan vorgelegt
hat und sich erbietet das Schloss in derselben Groesse um zehntausend
Gulden wohlfeiler zu bauen.

Gruendling. Das tut mir leid aber als ehrlicher Mann kann ich
es nach seinen Anforderungen nicht wohlfeiler bauen. Ich
uebernehme diesen Bau ueberhaupt mehr aus Ehrgeiz als aus
Gewinnsucht hat aber Herr von Flottwell einen Kuenstler
gefunden von dem er sich Schoeneres oder Besseres verspricht
so werde ich mich zu bescheiden wissen.

Wolf. Das heisst es ist Ihnen nichts daran gelegen.

Gruendling. Im Gegenteil es ist meiner Ehre sehr viel daran gelegen.

Wolf. Ja dann muessen Sie Ihrer Ehre auch ein kleines Opfer bringen.

Gruendling. Es waere sehr traurig fuer die Kunst wenn es mit ihr
so weit gekommen waere dass die Kuenstler Opfer bringen muessten
um Gelegenheit zu finden ein Kunstwerk hervorzubringen. Die
Kunst zu unterstuetzen ist ja der Stolz der Grossen und eine
oekonomische Aeusserung waere an dem geldberuehmten Herrn von Flottwell
etwas Unerhoertes.

Wolf. Sie verstehen mich nicht Herr Baumeister.

Gruendling. Genug! Morgen will ich mit Herrn von Flottwell
selbst darueber sprechen. Glauben Sie aber nicht Herr Kammerdiener
dass ich ein Mann bin der nicht zu leben versteht. Sollten Sie
sich fuer die Sache bei dem gnaedgen Herrn gluecklich verwenden so
werde ich mich sehr geehrt fuehlen wenn Sie ein Geschenk von
hundert Dukaten nicht verschmaehen wollen.

Wolf. Sie verkennen mich. Eigennutz ist nicht meine Sache ich
spreche nur zum Vorteil meines gnaedgen Herrn!

Gruendling. Den werden Sie durch mich besser bezwecken als wenn
das Schloss von einem andern wohlfeiler und schlechter gebaut wird.

Wolf. Nun gut. Ich will versuchen was mein geringer Einfluss
zugunsten eines so grossen Kuenstlers vermag und gelingt es mir
so werde ich Ihr Geschenk nur unter der Bedingung annehmen dass
Sie mir erlauben es auf eine wohltaetige Weise fuer andere zu
verwenden.

Gruendling. Ganz nach Ihrem Belieben. (Beiseite.) Die Kunst mag
mir diese Herabwuerdigung verzeihen. (Laut.) Morgen erwarte ich
einen guenstigen Bescheid. (Will ab.)

Wolf (blickt zum Fenster hinaus). Teufel! der andere. (Schnell.)
Wollen Sie nicht so gefaellig sein sich ueber die Nebentreppe zu
bemuehen weil die Bedienten auf der grossen Moebel transportieren.
Ich empfehle mich ergebenste (Laesst ihn durch eine Seitentuer
hinausgehen. Wolf allein.) Diese Zitrone gibt wenig Saft jetzt
wollen wir die andere pressen.

Fuenfter Auftritt

Voriger. Baumeister Sockel.

Sockel. Guten Morgen Herr von Wolf! Sie haben mich rufen
lassen ich waere schon gestern gekommen aber ich hab ein Haus
stuetzen muessen was ich vor zwei Jahren erst gebaut hab.
Verstanden? Ich sag Ihnens man moecht jetzt lieber Holz hacken
als Haeuser bauen. Erstens brennen s' Ziegel wenn man einen nur
ein unbeschaffenes Wort gibt so fallt er schon voneinander.
Nachher wollen s' immer ein Million Zins einnehmen lauter
Zimmer keine Mauern. Verstanden? Drum sind manche moderne
Haeuser auch so duenn als wenn s' blosse Futteral ueber die alten
waeren. Hernach hat halt ein Baumeister vor Zeiten auf solide
Einwohner rechnen koennen aber jetzt zieht sich ja manchmal ein
Volk hinein das nichts als rauft und schlagt Tisch und Stuehl
umwirft und das Unterste zu oberst kehrt. Ja wo soll denn da ein
Haus die Geduld hernehmen da wirds halt springgiftig und
endlich fallts vor Zorn zusamm. Verstanden?

Wolf. Das ist alles ganz recht aber jetzt lassen Sie uns
vernuenftig reden.

Sockel. Erlauben Sie aber meine Reden sind ein wahrer Triumph
der Vernunft. Verstanden?

Wolf. Ich habe Ihnen die unangenehme Nachricht zu sagen dass
Sie den Bau des Schlosses nicht bekommen werden.

Sockel. Hoeren Sie auf oder ich stuerz zusamm wie eine alte
Gartenmauer. Das ist ja nach unserer Verabredung nicht moeglich!
Verstanden?

Wolf. Der gnaedge Herr will den Baumeister Gruendling nehmen.

(Ein Bedienter der Flottwell das Fruehstueck gebracht hat
kommt zurueck.)

Sockel. Aber es war ja schon alles richtig. Ich hab Ihnen ja
tausend G--

Wolf (rasch auf den Bedienten blickend). Nun ja Sie haben mir
da tausend Gruende gesagt die--

Sockel. Nein ich habe Ihnen versprochen--

Wolf. Ja (stampft unwillig mit dem Fuss) Sie haben versprochen
gute Materialien zu nehmen. Fritz dort hat jemand gelaeutet. (Der
Bediente geht in ein Kabinett ab.) Aber ich kann nicht dafuer
dass ein anderer gekommen ist der noch groessere Versprechungen
gemacht hat und das Schloss um zehntausend Gulden wohlfeiler baut.

Sockel. Aber das ist ja ein elender Mensch der gar nicht zu
bauen versteht. Ein hergelaufener Maurerpolier ein Pfuscher
und ich bin ein Mann auf dem Platz. Verstanden?

Wolf. Es macht Ihnen sehr viel Ehre dass Sie so ueber Ihren
Kollegen schimpfen aber das kann die Sache nur verschlimmern!

Sockel. Aber Sie bringen einem ja zur Verzweiflung. (Beiseite.)
Ich kann den Bau nicht auslassen er traegt mir zu viel ein.
(Macht gegen das Publikum die Pantomime des Geldzaehlens.)
Verstanden? (Laut.) Liebster Herr Kammerdiener ich weiss es
haengt nur von Ihnen ab. Der gnaedige Herr bekuemmert sich nicht
darum er ist zu leichtsinnig. Ich geb Ihnen tausend Gulden
Konventionsmuenze.

Wolf. Herr!--Was unterfangen Sie sich--

Sockel. Ich unterfange mich Ihnen noch fuenfhundert Gulden zu
bieten.

Wolf. Sie haeufen ja Beleidigung auf Beleidigung--

Sockel. Freilich ich bin der brutalste Kerl auf der Welt.
Aber jetzt bin ich schon in meiner Grobheit drin ich muss Ihnen
noch fuenfhundert Gulden antragen.

Wolf. Halten Sie ein! Sie empoeren mich mit solchen unmoralischen
Zumutungen!

Sockel (beiseite). Ah da moecht man sich selber koepfen.

Wolf. Ich sehe ein dass Ihre Ehre--

Sockel. Ah was Ehre! Es ist einem gerade keine Schande wenn
man ein Schloss baut aber in Feuer lassen s' einem auch nicht
vergolden deswegen. (Beiseite.) Nur das Geld ist verloren!

Wolf. Man wird Sie auslachen!

Sockel. Freilich es hats die ganze Stadt erfahren.

Wolf. Wie war das moeglich?

Sockel. Weil ichs meiner Frau gesagt hab.

Wolf. Ja sind Sie denn verheiratet?

Sockel. Leider! Verstanden?

Wolf (aengstlich). Haben vielleicht Kinder!

Sockel. Jawohl.

Wolf. Ach das ist ja sehr traurig. Wie viele?

Sockel. Mein Gott soviel Sie wollen verschaffen Sie mir nur
den Bau.

Wolf. Ja das muss ich wissen.

Sockel. Fuenf und zwei noch zu erwarten! Verstanden?

Wolf. Entsetzlich! Das ruehrt mich!

Sockel. Lassen Sie sich erweichen. Nehmen Sie die zweitausend
Gulden.

...



 
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