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MUTTER UND KIND.
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MUTTER UND KIND.

FRIEDRICH HEBBEL

Ein Gedicht in sieben Gesaengen.
1859

Erster Gesang.

Eben grauet der Morgen. Noch stehen die zitternden Sterne
An der Woelbung des Himmels die kaum am Rande zu blauen
Anfaengt waehrend die Mitte noch schwarz wie die Erde herabhaengt.
Frierend kriechen die Waechter mit Spiess und Knarre nach Hause
Doch sie erloeste die Uhr und nicht die steigende Sonne
Denn noch ruhen die Buerger der Stadt und beduerfen des Schutzes
Gegen den schleichenden Dieb den spaehende Augen gewaehren.
Wie der Hahn auch rufe und wie vom Turme herunter
Auch der hungrige Geier mit ewig brennendem Magen
Nach dem Fruehstueck kraechze es kuemmert nicht Mensch noch Tiere.
Nur in den Staellen die hinter die stattlichen Haeuser versteckt sind
Wird's allmaehlich lebendig es scharren und stampfen die Pferde
Und es bruellen die Kuehe allein die Knechte und Maegde
Schwoeren sich bloss zur Nacht die Raufen noch voller zu stopfen
Als es gestern geschah und schlafen weiter in Frieden.
Nun man muesste sie loben wofern sie sich rascher erhueben
Aber wer koennte sie tadeln dass sie sich noch einmal herumdrehn?
Ist doch die Kaelte zu gross! Der Fuss dem die Decke entgleitet
Schrickt zurueck vor der Luft als ob er in Wasser geriete
Welches sich eben beeist auch darf man den Winter nicht schelten
Weihnachts-Abend ist da wie sollt' er nicht grimmig sich zeigen!
Dennoch lehnt schon am Pfahl der still vergluehnden Laterne
Eine dunkle Gestalt. Im Licht des flackernden Dochtes
Welcher sich selbst verzehrt des OEls allmaehlich ermangelnd
Kann man den Juengling erkennen der unbeweglich hinueber
Schaut nach dem Erdgeschoss des Hauses ueber der Strasse.
Wahrlich es muessen die Pulse ihm heiss und fieberisch huepfen
Dass er um diese Stunde die selbst im Sommer die Zaehne
Oft zum Klappern bringt und alle Glieder zum Schaudern
Hier so ruhig steht als waer' er in Eisen gegossen.
Schneidend und scharf wie ein Messer zerteilt der Hauch nun die Luefte
Welcher die Sonne meldet: den sollen die Fische im Wasser
Spueren und mitempfinden er aber regt sich auch jetzt nicht.
Doch da schreitet er vor und naht sich dem Hause. Was gibt ihm
Denn so ploetzlich Gefuehl und macht ihn lebendig? Ein Schimmer
Ward da drunten sichtbar den eine getragene Lampe
Zu verbreiten scheint. Er bueckt sich nieder zu lauschen
Spricht: sie ist's! und tickt mit leisem Finger ans Fenster.
Drinnen taucht ein Kopf empor. Die klarste der Scheiben
Suchend er findet sie schwer die meisten sind blind und belaufen
Lugt er schuechtern hindurch. Es ist ein bluehendes Maedchen
Welches sich selber beleuchtet indem es die Lampe erhebend
Nach dem Klopfenden spaeht. Er ruft: mach' auf Magdalena!
Und enteilt in das Gaesschen das links am Hause sich hinzieht.
Bald auch oeffnet sich seitwaerts das Dienerpfoertchen doch halb nur
Und den Fuss in der Tuer beim Licht noch einmal ihn pruefend
Spricht sie: Christian du? Was kannst du so zeitig nur wollen?
Lass uns hinein--versetzt er--du wuerdest draussen erfrieren
Und wir sind ja noch sicher! Sie sperrt ihm noch immer den Eingang
Doch er haelt ihr den Pelz entgegen in den er gehuellt ist
Und nun tritt sie zurueck und geht voran in die Kueche
Waehrend er auf den Zehen ihr folgt. Schon brennt auf dem Herde
Hell und lustig ein Feuer. Sie stellt den Kessel mit Wasser
Jetzt darueber und setzt sich an einer Seite daneben
An der anderen er. Die roetliche Flamme vergoldet
Spielend beider Gesichter und gegen sein dunkel gebraeuntes
Sticht ihr lilienweisses mit blonden Locken bekraenztes
Fein und angenehm ab. So musst du--beginnt sie--schon wieder
Auf die Strasse hinaus und das am heiligen Abend?
Wer dem Fuhrmann dient?-entgegnet er--feiert die Feste
Selten gemaechlich zu Hause denn immer mangelt dem Kaufmann
Dies und das im Gewoelb' und da die Kunden nicht warten
Wartet er selbst auch nicht! Doch du--erwidert sie leise
Fast in Vorwurfes Ton--du koenntest es lange schon besser
Haben wenn du nur wolltest!?-Du meinst ich koennte beim Kaufmann
Selber koennte bei euch sein--versetzt er mit Laecheln--und freilich
Haett ich's bequemer und duerfte man sieht's ja zu Tode mich schlafen.
Aber das taete nicht gut!?-Er springt empor und die Kueche
Stumm und sinnend durchschreitend und dann ich ploetzlicher Wendung
Vor das Maedchen tretend und ihre Schoenheit betrachtend
Ruft er aus: Nein nein sie soll mir nicht hungern und frieren!
Voll Verwunderung schaut sie auf und merkt es nun endlich
Dass er bewegt ist wie nie. Was hast du? fragt sie ihn aengstlich
Und er streichelt sie sanft und spricht die bedaechtigen Worte:
Wem ein altes Weib fuer seinen Groschen das Schicksal
Aus den Karten verkuendigt der mag noch zweifeln und lachen
Aber wem es der Herr im liebsten Freunde und Bruder
Dicht vor die Augen stellt dem ziemt es sich warnen zu lassen!
Haette der AErmste mich in solchem Elend gesehen
Wie ich gestern ihn er waere wohl ledig geblieben
Und sein Beispiel soll--dies wird so meint er ihn troesten-?
Nicht verloren sein fuer seinen Jugendgenossen!
Geht es den beiden so schlecht--versetzt sie erschreckend?-ich habe
Anna nicht wieder erblickt sie ist nicht weiter gekommen
Und ich kann das Haus nur selten auf Stunden verlassen
Und da hab' ich zu tun und rechne mit Schuster und Schneider.
Ging's mir anders mit Wilhelm--erwidert er traurig--ich hatte
Ihn so gut wie verloren denn aengstlich wie Suende und Schande
Pflegen sich Armut und Not in Ecken und Winkeln zu bergen.
Seinen eigenen Vetter vermocht' ich nicht zu ihm zu fuehren
Als er nach Hamburg kam um Anna endlich zu sehen
Und erst gestern zur Nacht bin ich ihm wieder begegnet
Aber in welcher Gestalt! Wie gaenzlich veraendert! Du kannst es
Dir nicht denken! Ich glaubte zuerst es waere sein Vater
Der noch lebt auf dem Dorf um seinen Jammer zu mehren
Weil er den Greis nicht fuerder ernaehren kann wie so lange!
Als ich ihn dann erkannte in seinem gebrochenen Wesen
Wollte er mir nicht stehn wie einer der giftige Blattern
Zu verbreiten fuerchtet ich aber blieb ihm zur Seite
Und so nahm er mich mit zum kranken Weib und den Kindern.
...



 
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