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DAS MAEDCHEN VON TREPPI DAS MAEDCHEN VON TREPPI PAUL HEYSE Novelle (1855) Auf der Hoehe des Apennin wo er sich zwischen Toskana und dem noerdlichen Teil des Kirchenstaats hinzieht liegt ein einsames Hirtendorf Treppi genannt. Die Pfade die hinauffuehren sind fuer Wagen unzugaenglich. Viele Stunden weiter nach Sueden in grossem Umweg ueberschreitet die Strasse der Posten und Vetturine* das Gebirge. Treppi vorueber ziehen nur Bauern die mit den Hirten zu handeln haben selten ein Maler oder ein landstrassenscheuer Fusswanderer und in den Naechten die Schmuggler mit ihren Saumtieren die das oede Dorf wo sie kurze Rast machen auf noch viel rauheren Felswegen zu erreichen wissen als alle andern. {ed. * Wagen} Es war erst gegen die Mitte Oktobers eine Zeit wo die Naechte in dieser Hoehe noch von grosser Klarheit zu sein pflegen. Heute aber hatte sich nach dem sonnenheissen Tage ein feiner Nebel aus den Schluchten heraufgewaelzt und breitete sich langsam ueber die edelgeformten nackten Felszuege des Hochlandes. Es mochte gegen neun Uhr abends sein. In den zerstreuten niedrigen Steinhuetten die ueber Tag nur von den aeltesten Weibern und juengsten Kindern bewacht werden glommen nur noch schwache Feuerscheine. Um die Herde ueber denen die grossen Kessel wankten lagen die Hirten mit ihren Familien und schliefen; die Hunde hatten sich in die Asche gestreckt; eine schlaflose Grossmutter sass wohl noch auf einem Haufen Felle und bewegte mechanisch die Spindel hin und her Gebete murmelnd oder ein unruhig schlafendes Kind im Korbe schaukelnd. Die Nachtluft zog feucht und herbstlich durch die handgrossen Luecken in der Mauer und der Rauch der ruhig ausbrennenden Herdflamme der jetzt vom Nebel gedraengt wurde schlug schwerfaellig zurueck und floss an der Decke der Huette hin ohne dass es der Alten beschwerlich ward. Hernach schlief auch sie mit offenen Augen soviel sie konnte. Nur in einem Hause war noch Bewegung. Es hatte auch nur ein Stockwerk wie die andern; aber die Steine waren besser gefugt die Tuer breiter und hoeher und an das weite Viereck das die eigentliche Wohnung ausmachte lehnten sich mancherlei Schuppen angebaute Kammern Staelle und ein gut gemauerter Backofen. Vor der Haustuer stand ein Trupp beladener Pferde denen ein Bursch eben die geleerten Krippen wegriss waehrend sechs bis sieben bewaffnete Maenner aus dem Hause traten in den Nebel hinaus und eilig ihre Tiere ruesteten. Ein uralter Hund der neben der Tuer lag bewegte nur leicht den Schweif als sie aufbrachen. Dann erhob er sich muede von der Erde und ging langsam in das Innere der Huette wo das Feuer noch hell brannte. Am Herde stand seine Herrin dem Feuer zugewendet die stattliche Gestalt regungslos die Arme an den Hueften herabhangend. Als der Hund mit der Schnauze sanft gegen ihre Hand ruehrte wandte sie sich als schrecke sie aus Traeumen auf. "Fuoco" sagte sie "mein armes Tier geh schlafen du bist krank!"--Der Hund winselte und bewegte den Schweif dankbar. Dann kroch er auf ein altes Fell neben dem Herd und streckte sich hustend und winselnd nieder. Indessen waren auch einige Knechte hereingekommen und hatten sich um den grossen Tisch an die Schuessel gesetzt welche die abziehenden Schmuggler soeben verlassen hatten. Eine alte Magd fuellte sie aus dem grossen Kessel von neuem mit Polenta und setzte sich nun ebenfalls mit ihrem Loeffel zu den andern. Waehrend sie assen wurde kein Wort laut; die Flamme knisterte der Hund stoehnte heiser aus dem Schlaf das ernsthafte Maedchen sass auf den Steinplatten des Herdes liess das Schuesselchen mit der Polenta das ihr die Magd besonders hingestellt hatte unberuehrt und sah in der Halle umher ohne Gedanken in sich versunken. Vor der Tuer stand der Nebel jetzt schon wie eine weisse Wand. Aber zugleich ging der halbe Mond eben hinter dem Rand des Felsens in die Hoehe. Da kam es wie Hufschlag und Menschentritte die Strasse herauf.--"Pietro!" rief die junge Hausherrin mit ruhig erinnerndem Ton. Ein langer Bursch stand augenblicklich vom Tisch auf und verschwand im Nebel. Man hoerte jetzt die Schritte und Stimmen naeher endlich hielt das Pferd am Hause. Noch eine Weile dann erschienen drei Maenner unter der Tuer und traten mit kurzem Gruss ein. Pietro naeherte sich dem Maedchen das teilnahmlos in die Flamme sah. "Es sind zwei von Porretta" sagte er ihr "Ohne Waren; sie fuehren einen Signore ueber die Berge der seine Paesse nicht in Ordnung hat." "Nina!" rief das Maedchen. Die alte Magd stand auf und kam an den Herd. "Das ist's nicht allein dass sie essen wollen Padrona" fuhr der Bursch fort. "Ob der Herr ein Lager haben kann fuer die Nacht. Er will nicht weiter vor Tagesanbruch." "Mach ihm eine Streu in der Kammer." Pietro nickte und ging wieder an den Tisch. Die drei hatten Platz genommen ohne dass die Knechte sie einer besondern Aufmerksamkeit wuerdigten. Es waren zwei Contrabbandieri wohlbewaffnet die Jacken leicht uebergeworfen die Huete tief ueber die Stirn gedrueckt. Sie nickten den andern zu wie guten Bekannten und nachdem sie ihrem Begleiter einen guten Platz eingeraeumt hatten schlugen sie das Kreuz und assen. Der Signore der mit ihnen gekommen ass nicht. Er nahm den Hut von der hohen Stirn strich mit der Hand durchs Haar und liess die Augen ueber den Ort und die Gesellschaft schweifen. An den Waenden las er die mit Kohle gemalten frommen Sprueche sah im Winkel das Madonnenbild mit dem Laempchen daneben die Huehner die auf der Stange schliefen dann die Maiskolben die auf Schnuere gereiht an der Decke hingen ein Brett mit Kruegen und Korbflaschen uebereinandergeschichtete Felle und Koerbe. Das Maedchen am Herd fesselte endlich seine unruhigen Augen. Das dunkle Profil zeichnete sich streng und schoen gegen das flackernde Rot des Herdfeuers ein grosses Nest schwarzer Flechten lag tief auf dem Nacken die Haende hatte sie ineinanderverschraenkt auf das eine Knie gelegt waehrend der andere Fuss auf dem Felsboden des Gemachs ruhte. Wie alt sie sein mochte konnte er nicht erraten. Doch sah er an ihrem Gebaren dass sie die Wirtin des Hauses war. "Habt Ihr Wein im Hause Padrona?" fragte er endlich. Er hatte diese Worte kaum gesagt als das Maedchen wie vom Blitz gestreift emporfuhr und aufrecht neben dem Herde stand mit beiden Armen sich auf die Platten stuetzend. In demselben Augenblick fuhr der Hund aus dem Schlafe auf. Ein wildes Murren brach aus seiner keuchenden Brust vor. Der Fremde sah ploetzlich vier funkelnde Augen auf sich gerichtet. "Darf man nicht fragen ob Ihr Wein im Hause habt Padrona?" wiederholte er jetzt. Noch aber hatte er das letzte Wort nicht geendet als der Hund in unerklaerlicher Wut laut heulend auf ihn zusprang ihm den Mantel mit den Zaehnen von der Schulter riss und von neuem gegen ihn losgesprungen waere wenn nicht ein scharfer Ruf seiner Herrin ihn gebaendigt haette. "Zurueck Fuoco zurueck! Friede Friede!"--Der Hund stand mitten im Zimmer heftig mit dem Schweife schlagend den Fremden unverwandt im Auge.--"Schliess ihn in den Stall Pietro!" sagte das Maedchen halblaut. Sie stand noch immer wie erstarrt am Herde und wiederholte den Befehl als Pietro zauderte. Denn seit langen Jahren war der naechtliche Platz des alten Tiers neben dem Herde gewesen. Die Knechte fluesterten untereinander der Hund folgte widerwillig und sein Heulen und Winseln drang schauerlich von draussen herein bis es vor Erschoepfung nachzulassen schien. Indessen hatte die Magd auf einen Wink der Wirtin Wein gebracht. Der Fremde trank reichte den Becher seinen Begleitern und sann im stillen ueber den wunderlichen Aufruhr nach den er unwissentlich angestiftet. Ein Knecht nach dem andern legte den Loeffel nieder und ging mit einem "Gute Nacht Padrona!" hinaus. Zuletzt waren die drei mit der Wirtin und der alten Magd allein. "Die Sonne geht um vier Uhr auf" sagte der eine Schmuggler halblaut zu dem Fremden. "Eccellenza braucht nicht frueher aufzubrechen um bei guter Zeit in Pistoja zu sein. Es ist auch wegen des Pferdes das seine sechs Stunden stehen muss." "Es ist gut meine Freunde. Geht und schlaft!" "Wir werden Euch wecken Eccellenza." "Auf alle Faelle" erwiderte der Fremde. "Obwohl die Madonna weiss dass ich nicht oft sechs Stunden in einem Strich schlafe. Gute Nacht Carlone; gute Nacht Meister Giuseppe!" Die Leute rueckten ehrerbietig die Huete und standen auf. Der eine ging nach dem Herd und sagte: "Ich habe einen Gruss Padrona vom Costanzo aus Bologna und ob es bei Euch war wo er sein Messer hat liegen lassen letzten Samstag." "Nein" sagte sie kurz und ungeduldig. "Ihr haettet's ihm wohl wieder mitgeschickt" sagte ich ihm "wenn's hier gewesen waere. Und dann--" "Nina" unterbrach sie ihn "zeige ihnen den Weg in die Kammer wenn sie ihn vergessen haben." Die Magd stand auf. "Ich wollte nur noch sagen Padrona" fuhr der Mann mit grosser Ruhe und leisem Zwinkern der Augen fort "dass dieser Herr dort das Geld nicht ansaehe wenn Ihr ihm ein sanfteres Bett machtet als unsereinem. Das wollt' ich Euch sagen Padrona und nun schenk' Euch die Madonna eine gute Nacht Signora Fenice!" Damit wandte er sich zu seinem Gesellen neigte sich wie dieser vor dem Bilde in der Ecke kreuzte sich und beide verliessen mit der Magd das Gemach. "Gute Nacht Nina!" rief das Maedchen. Die Alte wandte sich noch auf der Schwelle und machte ein fragendes Zeichen zog dann aber rasch und gehorsam die Tuer hinter sich zu. Sie waren kaum allein als Fenice eine Messinglampe die seitwaerts am Herde stand ergriff und hastig anzuendete. Das Herdfeuer erlosch mehr und mehr die drei roten Flaemmchen der Lampe erhellten nur einen kleinen Teil des weiten Raumes. Es schien als habe die Dunkelheit den Fremden schlaefrig gemacht denn er sass am Tische den Kopf auf die Arme gelegt den Mantel dicht um sich gezogen als gedenke er so die Nacht zuzubringen. Da hoerte er seinen Namen rufen und sah empor. Die Lampe brannte vor ihm auf dem Tisch ihm gegenueber stand die junge Padrona die ihn gerufen hatte. Ihr Blick traf den seinen mit grosser Gewalt. "Filippo" sagte sie "kennt Ihr mich nicht mehr?" Er sah eine Zeitlang forschend in das schoene Gesicht das vom Schein der Lampe und mehr noch von der Angst zu gluehen schien welche Antwort ihrer Frage werden wuerde. Das Gesicht war wohl des Wiedererinnerns wert. Die weichen langen Augenwimpern saenftigten wie sie langsam auf und nieder gingen die Strenge der Stirn und der schmalgeformten Nase. Der Mund bluehte in der roetesten Jugend; nur hatte er wenn er schwieg einen Zug von Entsagung Schmerz und Wildheit dem die schwarzen Augen nicht widersprachen. Jetzt erst als sie am Tische stand zeigte sich auch der herbe Reiz der Gestalt besonders die Schoenheit des Nackens und Halses. Und dennoch sprach Filippo nach einigem Besinnen: "Ich kenne Euch wahrlich nicht Padrona!" "Es ist nicht moeglich" sagte sie mit einem wunderbar tiefen Ton der Gewissheit. "Ihr habt ja sieben Jahre Zeit gehabt mich zu behalten. Das ist lang; da kann ein Bild sich schon einpraegen." Das seltsame Wort schien ihn jetzt erst voellig aus seinen besondern Gedanken loszumachen. "Ja Maedchen" sagte er "wer sieben Jahre zu nichts anderm braucht als einem schoenen Maedchenkopf nachzudenken der muss ihn wohl zuletzt auswendig wissen." "Ja" sagte sie nachdenklich "so ist es so sagtet Ihr auch damals dass Ihr an nichts anderes denken wuerdet." "Vor sieben Jahren? So war ich noch ein scherzhafter Mensch vor sieben Jahren. Und du hast das im Ernst geglaubt?" Sie nickte dreimal sehr ernsthaft. "Warum sollte ich nicht? Ich habe es ja an mir selbst erfahren dass Ihr recht hattet." "Kind" sagte er mit einer gutmuetigen Miene die seinen entschiedenen Zuegen wohl stand "das tut mir leid. Vor sieben Jahren dacht' ich wohl noch es wuessten es alle Weiber dass zaertliche Maennerworte nicht viel mehr wert sind als Spielmarken die man freilich gelegentlich gegen klingendes Geld umwechselt wenn es ausdruecklich ausgemacht ist. Was dacht' ich nicht alles vor sieben Jahren von euch Weibern! Jetzt denk ich ehrlich gesagt selten an euch. Liebes Kind man hat so viel Wichtigeres zu denken." Sie schwieg als ob sie das alles nicht verstuende und ruhig abwarten wollte bis er etwas sagte was sie wirklich anging. "Es daemmert jetzt freilich in mir auf" sagte er nach einigem Sinnen "dass ich diesen Teil des Gebirges schon einmal durchwandert habe. Ich haette auch vielleicht das Dorf und dieses Haus wieder erkannt ohne den Nebel. Ja ja es war allerdings vor sieben Jahren wo mich der Arzt in die Berge schickte und ich wie ein Narr die steilsten Wege auf und ab stuermte." "Ich wusste es wohl" sagte sie und ein ruehrender Glanz der Freude erschien auf den Lippen "ich wusste es wohl Ihr koennt es nicht vergessen haben. Hat es doch der Hund der Fuoco nicht vergessen auch nicht seinen alten Hass auf Euch von damals--noch ich--meine alte Liebe." Das sagte sie mit so grosser Festigkeit und Heiterkeit dass er immer erstaunter zu ihr aufsah. "Ich besinne mich nun auch auf ein Maedchen" sagte er "das ich einmal auf der Hoehe des Apennin traf und das mich zu seinen Eltern nach Hause brachte. Ich haette sonst die Nacht auf den Klippen zubringen muessen. Ich weiss auch dass es mir gefiel--" "Ja" unterbrach sie ihn "sehr!" "Aber ich gefiel dem Maedchen nicht. Ich hatte ein langes Gespraech mit ihr zu dem sie nicht viel ueber zehn Worte beisteuerte. Als ich ihr endlich das schlafende finstre Muendchen mit einem Kuss aufzuwecken dachte--ich sehe sie noch wie sie von mir weg auf die Seite sprang und mit jeder Hand einen Stein aufhob dass ich kaum ungesteinigt davonkam. Wenn du jenes Maedchen bist wie kannst du von deiner alten Liebe zu mir reden?" "Ich war funfzehn Jahr' Filippo und schaemte mich sehr. Ich war immer so trotzig gewesen und allein und wusste mich nicht auszudruecken. Und dann hatte ich Furcht vor den Eltern die lebten damals noch wie Ihr wissen werdet. Mein Vater hatte die vielen Hirten und Herden und hier die Schenke. Es ist seitdem nicht viel anders geworden. Nur dass er nicht mehr hier schaltet und schilt--seine Seele sei im Paradiese! Und vor der Mutter schaemte ich mich am meisten. Wisst Ihr noch gerade an demselben Fleck sasset Ihr damals Ihr lobtet noch den Wein den wir von Pistoja hatten. Mehr hoerte ich nicht die Mutter sah mich scharf an da ging ich hinaus und stellte mich hinter das Fenster um Euch noch betrachten zu koennen. Ihr waret juenger natuerlich aber nicht schoener. Ihr habt noch heut dieselben Augen mit denen Ihr damals gewinnen konntet wen Ihr wolltet; und dieselbe dunkle Stimme die den Hund so aufbrachte vor Eifersucht armes Tier! Bisher hatte ich ihn allein geliebt. Er merkte wohl dass ich Euch mehr liebte er merkte es besser als Ihr selbst. "Richtig" sagte er "er war in jener Nacht wie unsinnig. Eine wunderliche Nacht! Du hattest mir's doch sehr angetan Fenice. Ich weiss dass ich keine Ruhe hatte als du gar nicht wieder ins Haus zurueckkommen wolltest dass ich aufstand und dich draussen suchte. Dein weisses Kopftuch sah ich und dann nichts mehr von dir denn du sprangst in die Kammer neben dem Stall." "Das war meine Schlafkammer Filippo. Da durftet Ihr doch nicht hinein." "Aber ich wollt' es. Ich weiss noch wie lange ich stand und pocht' und bettelte der schlechte Gesell der ich war und meinte der Kopf muesse mir springen wenn ich dich nicht noch einmal saehe." "Der Kopf? Nein das Herz sagtet Ihr. Ich weiss sie noch alle wohl die Worte alle!" "Und wolltest doch damals nichts von ihnen wissen." "Mir war zumut wie zum Sterben. Ich stand im hintersten Winkel und dachte wenn ich mir nur das Herz fassen koennte an die Tuer zu schleichen den Mund an die Spalte zu legen durch die Ihr spracht dass ich den Hauch empfunden haette." "Toerichte verliebte Jugend! Waere deine Mutter nicht gekommen ich staende wohl noch da; du haettest denn inzwischen aufgemacht. Ich schaeme mich jetzt beinahe wie ich im hellen Aerger und Grimm davonging und die Nacht hindurch einen langen Traum von dir hatte." "Ich habe im Finstern gesessen und gewacht" sagte sie. "Gegen Morgen ueberfiel mich ein Schlaf und als ich auffuhr und in die Sonne sah--wo wart Ihr? Es sagte mir's keiner und fragen konnt' ich nicht. Ich hatte einen solchen Hass ein menschliches Gesicht zu sehen als haetten sie Euch umgebracht damit ich Euch nur nicht mehr saehe. Ich lief fort wie ich ging und stand die Berge auf und ab zuweilen schrie ich nach Euch zuweilen verwuenschte ich Euch denn um Euch konnte ich nun keinen Menschen mehr lieben. Am Ende kam ich unten in der Ebene an da erschrak ich und kehrte wieder um. Zwei Tage war ich weg gewesen. Der Vater schlug mich als ich wiederkam und die Mutter sprach nicht mit mir. Sie wussten wohl warum ich weggelaufen war. Nur der Hund war mit mir gewesen der Fuoco; aber wenn ich Euern Namen rief in der Einsamkeit heulte er." Es entstand eine Pause in der die Blicke der beiden Menschen aufeinander ruhten. Dann sagte Filippo: "Wie lange sind deine Eltern nun tot?" "Drei Jahr'. Sie starben in derselben Woche--ihre Seelen seien im Paradiese! Dann bin ich nach Florenz gegangen." "Nach Florenz?" "Ja Ihr sagtet ja Ihr waeret aus Florenz. Die Frau des Caffetiere draussen bei San Miniato an die wiesen mich welche von den Contrabbandieri. Einen Monat hab ich da gelebt und sie alle Tage in die Stadt geschickt nach Euch zu fragen. Abends ging ich selbst hinunter und suchte Euch. Am Ende hoerten wir dass Ihr laengst fortgezogen keiner wollte recht wissen wohin." Filippo stand auf und ging mit starken Schritten durch das Gemach. Fenice wandte sich nach ihm ihr Blick folgte ihm doch verriet sie keine Spur einer aehnlichen Unruhe wie sie ihn umhertrieb. Er kam endlich auf sie zu sah sie eine Weile an und sagte dann: "Und wozu gestehst du mir das alles la Poveretta*?" {ed. * Du Aermste} "Ich habe sieben Jahre Zeit gehabt mir einen Mut dazu zu fassen. Ach wenn ich es Euch damals gestanden haette es haette mich nicht so ungluecklich gemacht dieses feige Herz. Aber ich wusste dass Ihr wiederkommen musstet Filippo; nur dass es so lange dauerte das hatte ich nicht gedacht das tat mir weh.--Ein Kind bin ich so zu sprechen. Was kuemmert mich was nun vorueber ist? Filippo da seid ihr und hier bin ich und bin Euer ewig ewig!"-"Liebes Kind!" sagte er leise und verschwieg dann wieder was er auf der Zunge hatte. Sie empfand es aber nicht dass er so nachdenklich und schweigsam vor ihr stand und ueber ihre Stirn weg auf die Wand starrte. Sie sprach ruhig weiter; es war als waeren ihr ihre Worte seit lange bekannt als habe sie sich tausendmal im stillen vorgestellt: Er wird kommen und das und das wirst du ihm sagen. "Ich habe schon viele heiraten sollen hier oben und als ich in Florenz war. Ich wollte nur dich. Wenn mich einer bat und sagte mir suesse Reden gleich war deine Stimme da aus jener Nacht deine Reden die suesser waren als alle Worte unterm Monde. Seit manchem Jahr lassen sie mich in Ruh obwohl ich noch nicht alt bin und so schoen wie ich immer war. Es ist als ob sie alle wuessten dass du nun bald kommen wuerdest."--Dann wieder: "Wo willst du mich nun hinfuehren? Willst du hier oben bleiben? Nein es taugt nicht fuer dich. Seit ich in Florenz war weiss ich dass es traurig auf dem Gebirge ist. Wir wollen das Haus und die Herden verkaufen dann bin ich reich. Ich habe das wilde Wesen mit den Leuten hier satt. In Florenz mussten sie mich alles lehren was eine Staedterin braucht und sie verwunderten sich wie rasch ich jedes begriff. Freilich ich hatte nicht viel Zeit und alle Traeume sagten mir dass es hier oben sein wuerde wo du mich zu suchen kaemest.--Ich habe auch eine Zauberin gefragt und auch das ist alles eingetroffen." "Und wenn ich nun schon eine Frau haette?" Sie sah ihn gross an. "Du willst mich versuchen Filippo! Du hast keine. Auch das hat mir die Strega* gesagt. Aber wo du wohnest das wusste sie nicht." {ed. * Hexe} "Sie hat recht gehabt Fenice ich habe kein Weib. Aber woher weiss sie oder du dass ich je eins haben will?" "Wie koenntest du mich nicht wollen?" sagte sie mit unerschuetterlichem Vertrauen. "Setz dich hier zu mir her Fenice! Ich habe dir viel zu sagen. Gib mir deine Hand; versprich mir dass du mich verstaendig anhoeren willst bis zu Ende meine arme Freundin!" Als sie nichts von dem allen tat fuhr er mit klopfendem Herzen fort vor ihr stehenbleibend und das Auge traurig auf sie geheftet waehrend das ihrige wie in Ahnungen die ihr ans Leben gingen bald geschlossen war bald am Boden hinirrte. "Ich habe schon vor Jahren aus Florenz fliehen muessen" erzaehlte er. "Du weisst da waren jene politischen Tumulte die so lange hin und her schwankten. Ich bin Advokat und kenne eine Menge Menschen und schreibe und empfange einen grossen Haufen Briefe das Jahr hindurch. Zudem war ich unabhaengig sagte meine Meinung wo es not tat und wurde verhasst obwohl ich die Haende bei ihrem heimlichen Spiel nie haben mochte. Am Ende musste ich auswandern wenn ich nicht in endloses Verhoer und Gefaengnis gehen wollte ohne Nutz und Zweck. Ich bin nach Bologna gezogen und habe fuer mich gelebt meine Prozesse gefuehrt und wenig Menschen gesehen am wenigsten Weiber; denn von dem tollen Burschen dem du vor sieben Jahren das Herz schwer machtest ist nichts mehr an mir geblieben als dass mir noch immer der Kopf oder wenn du lieber willst das Herz springen will wenn ich irgendwas nicht bezwingen kann freilich heutzutage andere Dinge als den Riegel an der Kammertuer eines schoenen Maedchens.--Du hast vielleicht gehoert dass es auch in Bologna in der letzten Zeit unruhig geworden ist. Man hat angesehene Maenner verhaftet darunter einen dessen Wege und Stege ich seit langem kenne und weiss dass seine Seele diesen Dingen sehr fern war. Denn eine schlechte Regierung bessern sie damit so wenig als wenn eine Krankheit unter euern Schafen ist und ihr schicktet den Wolf in den Stall. Aber was soll das hier? Genug mein Freund bat mich sein Advokat zu sein und ich verhalf ihm zur Freiheit. Es war das kaum bekannt worden als mich eines Tages ein elender Mensch auf der Strasse anrannte und mich mit Beleidigungen ueberhaeufte. Ich konnte mich nicht anders von ihm losmachen als durch einen Stoss gegen die Brust denn er war berauscht und keiner Erwiderung wert. Kaum hatte ich mich aus dem Menschenschwarm herausgewunden und war in ein Cafe getreten so kam mir schon ein Verwandter jenes Menschen nach nuechtern von Wein aber trunken von Gift und Zorn und stellte mich zur Rede dass ich wie ein Ehrloser auf Worte mit Faeusten geantwortet haette statt zu tun was jeder Galant'uomo* getan haben wuerde. Ich antwortete so gemaessigt wie ich konnte denn schon durchschaute ich's ...
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