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DAS MAEDCHEN VON TREPPI
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DAS MAEDCHEN VON TREPPI

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DAS MAEDCHEN VON TREPPI

PAUL HEYSE

Novelle

(1855)

Auf der Hoehe des Apennin wo er sich zwischen Toskana und dem
noerdlichen Teil des Kirchenstaats hinzieht liegt ein einsames
Hirtendorf Treppi genannt. Die Pfade die hinauffuehren sind fuer
Wagen unzugaenglich. Viele Stunden weiter nach Sueden in grossem Umweg
ueberschreitet die Strasse der Posten und Vetturine* das Gebirge.
Treppi vorueber ziehen nur Bauern die mit den Hirten zu handeln haben
selten ein Maler oder ein landstrassenscheuer Fusswanderer und in den
Naechten die Schmuggler mit ihren Saumtieren die das oede Dorf wo sie
kurze Rast machen auf noch viel rauheren Felswegen zu erreichen
wissen als alle andern.

{ed. * Wagen}

Es war erst gegen die Mitte Oktobers eine Zeit wo die Naechte in
dieser Hoehe noch von grosser Klarheit zu sein pflegen. Heute aber
hatte sich nach dem sonnenheissen Tage ein feiner Nebel aus den
Schluchten heraufgewaelzt und breitete sich langsam ueber die
edelgeformten nackten Felszuege des Hochlandes. Es mochte gegen neun
Uhr abends sein. In den zerstreuten niedrigen Steinhuetten die ueber
Tag nur von den aeltesten Weibern und juengsten Kindern bewacht werden
glommen nur noch schwache Feuerscheine. Um die Herde ueber denen die
grossen Kessel wankten lagen die Hirten mit ihren Familien und
schliefen; die Hunde hatten sich in die Asche gestreckt; eine
schlaflose Grossmutter sass wohl noch auf einem Haufen Felle und bewegte
mechanisch die Spindel hin und her Gebete murmelnd oder ein unruhig
schlafendes Kind im Korbe schaukelnd. Die Nachtluft zog feucht und
herbstlich durch die handgrossen Luecken in der Mauer und der Rauch der
ruhig ausbrennenden Herdflamme der jetzt vom Nebel gedraengt wurde
schlug schwerfaellig zurueck und floss an der Decke der Huette hin ohne
dass es der Alten beschwerlich ward. Hernach schlief auch sie mit
offenen Augen soviel sie konnte.

Nur in einem Hause war noch Bewegung. Es hatte auch nur ein Stockwerk
wie die andern; aber die Steine waren besser gefugt die Tuer breiter
und hoeher und an das weite Viereck das die eigentliche Wohnung
ausmachte lehnten sich mancherlei Schuppen angebaute Kammern Staelle
und ein gut gemauerter Backofen. Vor der Haustuer stand ein Trupp
beladener Pferde denen ein Bursch eben die geleerten Krippen wegriss
waehrend sechs bis sieben bewaffnete Maenner aus dem Hause traten in
den Nebel hinaus und eilig ihre Tiere ruesteten. Ein uralter Hund
der neben der Tuer lag bewegte nur leicht den Schweif als sie
aufbrachen. Dann erhob er sich muede von der Erde und ging langsam in
das Innere der Huette wo das Feuer noch hell brannte. Am Herde stand
seine Herrin dem Feuer zugewendet die stattliche Gestalt regungslos
die Arme an den Hueften herabhangend. Als der Hund mit der Schnauze
sanft gegen ihre Hand ruehrte wandte sie sich als schrecke sie aus
Traeumen auf. "Fuoco" sagte sie "mein armes Tier geh schlafen du
bist krank!"--Der Hund winselte und bewegte den Schweif dankbar. Dann
kroch er auf ein altes Fell neben dem Herd und streckte sich hustend
und winselnd nieder.

Indessen waren auch einige Knechte hereingekommen und hatten sich um
den grossen Tisch an die Schuessel gesetzt welche die abziehenden
Schmuggler soeben verlassen hatten. Eine alte Magd fuellte sie aus dem
grossen Kessel von neuem mit Polenta und setzte sich nun ebenfalls mit
ihrem Loeffel zu den andern. Waehrend sie assen wurde kein Wort laut;
die Flamme knisterte der Hund stoehnte heiser aus dem Schlaf das
ernsthafte Maedchen sass auf den Steinplatten des Herdes liess das
Schuesselchen mit der Polenta das ihr die Magd besonders hingestellt
hatte unberuehrt und sah in der Halle umher ohne Gedanken in sich
versunken. Vor der Tuer stand der Nebel jetzt schon wie eine weisse
Wand. Aber zugleich ging der halbe Mond eben hinter dem Rand des
Felsens in die Hoehe.

Da kam es wie Hufschlag und Menschentritte die Strasse herauf.--"Pietro!"
rief die junge Hausherrin mit ruhig erinnerndem Ton. Ein langer
Bursch stand augenblicklich vom Tisch auf und verschwand im Nebel.

Man hoerte jetzt die Schritte und Stimmen naeher endlich hielt das
Pferd am Hause. Noch eine Weile dann erschienen drei Maenner unter
der Tuer und traten mit kurzem Gruss ein. Pietro naeherte sich dem
Maedchen das teilnahmlos in die Flamme sah. "Es sind zwei von
Porretta" sagte er ihr "Ohne Waren; sie fuehren einen Signore ueber
die Berge der seine Paesse nicht in Ordnung hat."

"Nina!" rief das Maedchen. Die alte Magd stand auf und kam an den Herd.

"Das ist's nicht allein dass sie essen wollen Padrona" fuhr der
Bursch fort. "Ob der Herr ein Lager haben kann fuer die Nacht. Er
will nicht weiter vor Tagesanbruch."

"Mach ihm eine Streu in der Kammer." Pietro nickte und ging wieder an
den Tisch.

Die drei hatten Platz genommen ohne dass die Knechte sie einer
besondern Aufmerksamkeit wuerdigten. Es waren zwei Contrabbandieri
wohlbewaffnet die Jacken leicht uebergeworfen die Huete tief ueber die
Stirn gedrueckt. Sie nickten den andern zu wie guten Bekannten und
nachdem sie ihrem Begleiter einen guten Platz eingeraeumt hatten
schlugen sie das Kreuz und assen.

Der Signore der mit ihnen gekommen ass nicht. Er nahm den Hut von
der hohen Stirn strich mit der Hand durchs Haar und liess die Augen
ueber den Ort und die Gesellschaft schweifen. An den Waenden las er die
mit Kohle gemalten frommen Sprueche sah im Winkel das Madonnenbild
mit dem Laempchen daneben die Huehner die auf der Stange schliefen
dann die Maiskolben die auf Schnuere gereiht an der Decke hingen
ein Brett mit Kruegen und Korbflaschen uebereinandergeschichtete Felle
und Koerbe. Das Maedchen am Herd fesselte endlich seine unruhigen Augen.
Das dunkle Profil zeichnete sich streng und schoen gegen das
flackernde Rot des Herdfeuers ein grosses Nest schwarzer Flechten lag
tief auf dem Nacken die Haende hatte sie ineinanderverschraenkt auf das
eine Knie gelegt waehrend der andere Fuss auf dem Felsboden des Gemachs
ruhte. Wie alt sie sein mochte konnte er nicht erraten. Doch sah er
an ihrem Gebaren dass sie die Wirtin des Hauses war.

"Habt Ihr Wein im Hause Padrona?" fragte er endlich. Er hatte diese
Worte kaum gesagt als das Maedchen wie vom Blitz gestreift emporfuhr
und aufrecht neben dem Herde stand mit beiden Armen sich auf die
Platten stuetzend. In demselben Augenblick fuhr der Hund aus dem
Schlafe auf. Ein wildes Murren brach aus seiner keuchenden Brust vor.
Der Fremde sah ploetzlich vier funkelnde Augen auf sich gerichtet.

"Darf man nicht fragen ob Ihr Wein im Hause habt Padrona?"
wiederholte er jetzt. Noch aber hatte er das letzte Wort nicht
geendet als der Hund in unerklaerlicher Wut laut heulend auf ihn
zusprang ihm den Mantel mit den Zaehnen von der Schulter riss und von
neuem gegen ihn losgesprungen waere wenn nicht ein scharfer Ruf seiner
Herrin ihn gebaendigt haette.

"Zurueck Fuoco zurueck! Friede Friede!"--Der Hund stand mitten im
Zimmer heftig mit dem Schweife schlagend den Fremden unverwandt im
Auge.--"Schliess ihn in den Stall Pietro!" sagte das Maedchen halblaut.
Sie stand noch immer wie erstarrt am Herde und wiederholte den Befehl
als Pietro zauderte. Denn seit langen Jahren war der naechtliche
Platz des alten Tiers neben dem Herde gewesen. Die Knechte fluesterten
untereinander der Hund folgte widerwillig und sein Heulen und
Winseln drang schauerlich von draussen herein bis es vor Erschoepfung
nachzulassen schien.

Indessen hatte die Magd auf einen Wink der Wirtin Wein gebracht. Der
Fremde trank reichte den Becher seinen Begleitern und sann im stillen
ueber den wunderlichen Aufruhr nach den er unwissentlich angestiftet.
Ein Knecht nach dem andern legte den Loeffel nieder und ging mit einem
"Gute Nacht Padrona!" hinaus. Zuletzt waren die drei mit der Wirtin
und der alten Magd allein.

"Die Sonne geht um vier Uhr auf" sagte der eine Schmuggler halblaut
zu dem Fremden. "Eccellenza braucht nicht frueher aufzubrechen um bei
guter Zeit in Pistoja zu sein. Es ist auch wegen des Pferdes das
seine sechs Stunden stehen muss."

"Es ist gut meine Freunde. Geht und schlaft!"

"Wir werden Euch wecken Eccellenza."

"Auf alle Faelle" erwiderte der Fremde. "Obwohl die Madonna weiss dass
ich nicht oft sechs Stunden in einem Strich schlafe. Gute Nacht
Carlone; gute Nacht Meister Giuseppe!"

Die Leute rueckten ehrerbietig die Huete und standen auf. Der eine ging
nach dem Herd und sagte: "Ich habe einen Gruss Padrona vom Costanzo
aus Bologna und ob es bei Euch war wo er sein Messer hat liegen
lassen letzten Samstag."

"Nein" sagte sie kurz und ungeduldig.

"Ihr haettet's ihm wohl wieder mitgeschickt" sagte ich ihm "wenn's
hier gewesen waere. Und dann--"

"Nina" unterbrach sie ihn "zeige ihnen den Weg in die Kammer wenn
sie ihn vergessen haben."

Die Magd stand auf. "Ich wollte nur noch sagen Padrona" fuhr der
Mann mit grosser Ruhe und leisem Zwinkern der Augen fort "dass dieser
Herr dort das Geld nicht ansaehe wenn Ihr ihm ein sanfteres Bett
machtet als unsereinem. Das wollt' ich Euch sagen Padrona und nun
schenk' Euch die Madonna eine gute Nacht Signora Fenice!"

Damit wandte er sich zu seinem Gesellen neigte sich wie dieser vor
dem Bilde in der Ecke kreuzte sich und beide verliessen mit der Magd
das Gemach. "Gute Nacht Nina!" rief das Maedchen. Die Alte wandte
sich noch auf der Schwelle und machte ein fragendes Zeichen zog dann
aber rasch und gehorsam die Tuer hinter sich zu.

Sie waren kaum allein als Fenice eine Messinglampe die seitwaerts am
Herde stand ergriff und hastig anzuendete. Das Herdfeuer erlosch mehr
und mehr die drei roten Flaemmchen der Lampe erhellten nur einen
kleinen Teil des weiten Raumes. Es schien als habe die Dunkelheit
den Fremden schlaefrig gemacht denn er sass am Tische den Kopf auf die
Arme gelegt den Mantel dicht um sich gezogen als gedenke er so die
Nacht zuzubringen. Da hoerte er seinen Namen rufen und sah empor. Die
Lampe brannte vor ihm auf dem Tisch ihm gegenueber stand die junge
Padrona die ihn gerufen hatte. Ihr Blick traf den seinen mit grosser
Gewalt.

"Filippo" sagte sie "kennt Ihr mich nicht mehr?"

Er sah eine Zeitlang forschend in das schoene Gesicht das vom Schein
der Lampe und mehr noch von der Angst zu gluehen schien welche Antwort
ihrer Frage werden wuerde. Das Gesicht war wohl des Wiedererinnerns
wert. Die weichen langen Augenwimpern saenftigten wie sie langsam auf
und nieder gingen die Strenge der Stirn und der schmalgeformten Nase.
Der Mund bluehte in der roetesten Jugend; nur hatte er wenn er schwieg
einen Zug von Entsagung Schmerz und Wildheit dem die schwarzen
Augen nicht widersprachen. Jetzt erst als sie am Tische stand
zeigte sich auch der herbe Reiz der Gestalt besonders die Schoenheit
des Nackens und Halses. Und dennoch sprach Filippo nach einigem
Besinnen:

"Ich kenne Euch wahrlich nicht Padrona!"

"Es ist nicht moeglich" sagte sie mit einem wunderbar tiefen Ton der
Gewissheit. "Ihr habt ja sieben Jahre Zeit gehabt mich zu behalten.
Das ist lang; da kann ein Bild sich schon einpraegen."

Das seltsame Wort schien ihn jetzt erst voellig aus seinen besondern
Gedanken loszumachen. "Ja Maedchen" sagte er "wer sieben Jahre zu
nichts anderm braucht als einem schoenen Maedchenkopf nachzudenken der
muss ihn wohl zuletzt auswendig wissen."

"Ja" sagte sie nachdenklich "so ist es so sagtet Ihr auch damals
dass Ihr an nichts anderes denken wuerdet."

"Vor sieben Jahren? So war ich noch ein scherzhafter Mensch vor
sieben Jahren. Und du hast das im Ernst geglaubt?"

Sie nickte dreimal sehr ernsthaft. "Warum sollte ich nicht? Ich habe
es ja an mir selbst erfahren dass Ihr recht hattet."

"Kind" sagte er mit einer gutmuetigen Miene die seinen entschiedenen
Zuegen wohl stand "das tut mir leid. Vor sieben Jahren dacht' ich
wohl noch es wuessten es alle Weiber dass zaertliche Maennerworte nicht
viel mehr wert sind als Spielmarken die man freilich gelegentlich
gegen klingendes Geld umwechselt wenn es ausdruecklich ausgemacht ist.
Was dacht' ich nicht alles vor sieben Jahren von euch Weibern! Jetzt
denk ich ehrlich gesagt selten an euch. Liebes Kind man hat so
viel Wichtigeres zu denken."

Sie schwieg als ob sie das alles nicht verstuende und ruhig abwarten
wollte bis er etwas sagte was sie wirklich anging.

"Es daemmert jetzt freilich in mir auf" sagte er nach einigem Sinnen
"dass ich diesen Teil des Gebirges schon einmal durchwandert habe. Ich
haette auch vielleicht das Dorf und dieses Haus wieder erkannt ohne
den Nebel. Ja ja es war allerdings vor sieben Jahren wo mich der
Arzt in die Berge schickte und ich wie ein Narr die steilsten Wege
auf und ab stuermte."

"Ich wusste es wohl" sagte sie und ein ruehrender Glanz der Freude
erschien auf den Lippen "ich wusste es wohl Ihr koennt es nicht
vergessen haben. Hat es doch der Hund der Fuoco nicht vergessen
auch nicht seinen alten Hass auf Euch von damals--noch ich--meine alte
Liebe."

Das sagte sie mit so grosser Festigkeit und Heiterkeit dass er immer
erstaunter zu ihr aufsah. "Ich besinne mich nun auch auf ein Maedchen"
sagte er "das ich einmal auf der Hoehe des Apennin traf und das mich
zu seinen Eltern nach Hause brachte. Ich haette sonst die Nacht auf
den Klippen zubringen muessen. Ich weiss auch dass es mir gefiel--"

"Ja" unterbrach sie ihn "sehr!"

"Aber ich gefiel dem Maedchen nicht. Ich hatte ein langes Gespraech mit
ihr zu dem sie nicht viel ueber zehn Worte beisteuerte. Als ich ihr
endlich das schlafende finstre Muendchen mit einem Kuss aufzuwecken
dachte--ich sehe sie noch wie sie von mir weg auf die Seite sprang
und mit jeder Hand einen Stein aufhob dass ich kaum ungesteinigt
davonkam. Wenn du jenes Maedchen bist wie kannst du von deiner alten
Liebe zu mir reden?"

"Ich war funfzehn Jahr' Filippo und schaemte mich sehr. Ich war
immer so trotzig gewesen und allein und wusste mich nicht auszudruecken.
Und dann hatte ich Furcht vor den Eltern die lebten damals noch
wie Ihr wissen werdet. Mein Vater hatte die vielen Hirten und Herden
und hier die Schenke. Es ist seitdem nicht viel anders geworden. Nur
dass er nicht mehr hier schaltet und schilt--seine Seele sei im
Paradiese! Und vor der Mutter schaemte ich mich am meisten. Wisst Ihr
noch gerade an demselben Fleck sasset Ihr damals Ihr lobtet noch den
Wein den wir von Pistoja hatten. Mehr hoerte ich nicht die Mutter
sah mich scharf an da ging ich hinaus und stellte mich hinter das
Fenster um Euch noch betrachten zu koennen. Ihr waret juenger
natuerlich aber nicht schoener. Ihr habt noch heut dieselben Augen
mit denen Ihr damals gewinnen konntet wen Ihr wolltet; und dieselbe
dunkle Stimme die den Hund so aufbrachte vor Eifersucht armes Tier!
Bisher hatte ich ihn allein geliebt. Er merkte wohl dass ich Euch
mehr liebte er merkte es besser als Ihr selbst.

"Richtig" sagte er "er war in jener Nacht wie unsinnig. Eine
wunderliche Nacht! Du hattest mir's doch sehr angetan Fenice. Ich
weiss dass ich keine Ruhe hatte als du gar nicht wieder ins Haus
zurueckkommen wolltest dass ich aufstand und dich draussen suchte. Dein
weisses Kopftuch sah ich und dann nichts mehr von dir denn du
sprangst in die Kammer neben dem Stall."

"Das war meine Schlafkammer Filippo. Da durftet Ihr doch nicht
hinein."

"Aber ich wollt' es. Ich weiss noch wie lange ich stand und pocht'
und bettelte der schlechte Gesell der ich war und meinte der Kopf
muesse mir springen wenn ich dich nicht noch einmal saehe."

"Der Kopf? Nein das Herz sagtet Ihr. Ich weiss sie noch alle wohl
die Worte alle!"

"Und wolltest doch damals nichts von ihnen wissen."

"Mir war zumut wie zum Sterben. Ich stand im hintersten Winkel und
dachte wenn ich mir nur das Herz fassen koennte an die Tuer zu
schleichen den Mund an die Spalte zu legen durch die Ihr spracht
dass ich den Hauch empfunden haette."

"Toerichte verliebte Jugend! Waere deine Mutter nicht gekommen ich
staende wohl noch da; du haettest denn inzwischen aufgemacht. Ich
schaeme mich jetzt beinahe wie ich im hellen Aerger und Grimm davonging
und die Nacht hindurch einen langen Traum von dir hatte."

"Ich habe im Finstern gesessen und gewacht" sagte sie. "Gegen Morgen
ueberfiel mich ein Schlaf und als ich auffuhr und in die Sonne sah--wo
wart Ihr? Es sagte mir's keiner und fragen konnt' ich nicht. Ich
hatte einen solchen Hass ein menschliches Gesicht zu sehen als haetten
sie Euch umgebracht damit ich Euch nur nicht mehr saehe. Ich lief
fort wie ich ging und stand die Berge auf und ab zuweilen schrie
ich nach Euch zuweilen verwuenschte ich Euch denn um Euch konnte ich
nun keinen Menschen mehr lieben. Am Ende kam ich unten in der Ebene
an da erschrak ich und kehrte wieder um. Zwei Tage war ich weg
gewesen. Der Vater schlug mich als ich wiederkam und die Mutter
sprach nicht mit mir. Sie wussten wohl warum ich weggelaufen war.
Nur der Hund war mit mir gewesen der Fuoco; aber wenn ich Euern Namen
rief in der Einsamkeit heulte er."

Es entstand eine Pause in der die Blicke der beiden Menschen
aufeinander ruhten. Dann sagte Filippo: "Wie lange sind deine Eltern
nun tot?"

"Drei Jahr'. Sie starben in derselben Woche--ihre Seelen seien im
Paradiese! Dann bin ich nach Florenz gegangen."

"Nach Florenz?"

"Ja Ihr sagtet ja Ihr waeret aus Florenz. Die Frau des Caffetiere
draussen bei San Miniato an die wiesen mich welche von den
Contrabbandieri. Einen Monat hab ich da gelebt und sie alle Tage in
die Stadt geschickt nach Euch zu fragen. Abends ging ich selbst
hinunter und suchte Euch. Am Ende hoerten wir dass Ihr laengst
fortgezogen keiner wollte recht wissen wohin."

Filippo stand auf und ging mit starken Schritten durch das Gemach.
Fenice wandte sich nach ihm ihr Blick folgte ihm doch verriet sie
keine Spur einer aehnlichen Unruhe wie sie ihn umhertrieb. Er kam
endlich auf sie zu sah sie eine Weile an und sagte dann: "Und wozu
gestehst du mir das alles la Poveretta*?"

{ed. * Du Aermste}

"Ich habe sieben Jahre Zeit gehabt mir einen Mut dazu zu fassen. Ach
wenn ich es Euch damals gestanden haette es haette mich nicht so
ungluecklich gemacht dieses feige Herz. Aber ich wusste dass Ihr
wiederkommen musstet Filippo; nur dass es so lange dauerte das hatte
ich nicht gedacht das tat mir weh.--Ein Kind bin ich so zu sprechen.
Was kuemmert mich was nun vorueber ist? Filippo da seid ihr und
hier bin ich und bin Euer ewig ewig!"-"Liebes Kind!" sagte er leise
und verschwieg dann wieder was er auf der Zunge hatte. Sie empfand
es aber nicht dass er so nachdenklich und schweigsam vor ihr stand und
ueber ihre Stirn weg auf die Wand starrte. Sie sprach ruhig weiter; es
war als waeren ihr ihre Worte seit lange bekannt als habe sie sich
tausendmal im stillen vorgestellt: Er wird kommen und das und das
wirst du ihm sagen.

"Ich habe schon viele heiraten sollen hier oben und als ich in
Florenz war. Ich wollte nur dich. Wenn mich einer bat und sagte mir
suesse Reden gleich war deine Stimme da aus jener Nacht deine Reden
die suesser waren als alle Worte unterm Monde. Seit manchem Jahr
lassen sie mich in Ruh obwohl ich noch nicht alt bin und so schoen
wie ich immer war. Es ist als ob sie alle wuessten dass du nun bald
kommen wuerdest."--Dann wieder:

"Wo willst du mich nun hinfuehren? Willst du hier oben bleiben? Nein
es taugt nicht fuer dich. Seit ich in Florenz war weiss ich dass es
traurig auf dem Gebirge ist. Wir wollen das Haus und die Herden
verkaufen dann bin ich reich. Ich habe das wilde Wesen mit den
Leuten hier satt. In Florenz mussten sie mich alles lehren was eine
Staedterin braucht und sie verwunderten sich wie rasch ich jedes
begriff. Freilich ich hatte nicht viel Zeit und alle Traeume sagten
mir dass es hier oben sein wuerde wo du mich zu suchen kaemest.--Ich
habe auch eine Zauberin gefragt und auch das ist alles eingetroffen."

"Und wenn ich nun schon eine Frau haette?"

Sie sah ihn gross an. "Du willst mich versuchen Filippo! Du hast
keine. Auch das hat mir die Strega* gesagt. Aber wo du wohnest das
wusste sie nicht."

{ed. * Hexe}

"Sie hat recht gehabt Fenice ich habe kein Weib. Aber woher weiss
sie oder du dass ich je eins haben will?"

"Wie koenntest du mich nicht wollen?" sagte sie mit unerschuetterlichem
Vertrauen.

"Setz dich hier zu mir her Fenice! Ich habe dir viel zu sagen. Gib
mir deine Hand; versprich mir dass du mich verstaendig anhoeren willst
bis zu Ende meine arme Freundin!" Als sie nichts von dem allen tat
fuhr er mit klopfendem Herzen fort vor ihr stehenbleibend und das
Auge traurig auf sie geheftet waehrend das ihrige wie in Ahnungen die
ihr ans Leben gingen bald geschlossen war bald am Boden hinirrte.

"Ich habe schon vor Jahren aus Florenz fliehen muessen" erzaehlte er.
"Du weisst da waren jene politischen Tumulte die so lange hin und her
schwankten. Ich bin Advokat und kenne eine Menge Menschen und
schreibe und empfange einen grossen Haufen Briefe das Jahr hindurch.
Zudem war ich unabhaengig sagte meine Meinung wo es not tat und
wurde verhasst obwohl ich die Haende bei ihrem heimlichen Spiel nie
haben mochte. Am Ende musste ich auswandern wenn ich nicht in
endloses Verhoer und Gefaengnis gehen wollte ohne Nutz und Zweck. Ich
bin nach Bologna gezogen und habe fuer mich gelebt meine Prozesse
gefuehrt und wenig Menschen gesehen am wenigsten Weiber; denn von dem
tollen Burschen dem du vor sieben Jahren das Herz schwer machtest
ist nichts mehr an mir geblieben als dass mir noch immer der Kopf
oder wenn du lieber willst das Herz springen will wenn ich irgendwas
nicht bezwingen kann freilich heutzutage andere Dinge als den Riegel
an der Kammertuer eines schoenen Maedchens.--Du hast vielleicht gehoert
dass es auch in Bologna in der letzten Zeit unruhig geworden ist. Man
hat angesehene Maenner verhaftet darunter einen dessen Wege und Stege
ich seit langem kenne und weiss dass seine Seele diesen Dingen sehr
fern war. Denn eine schlechte Regierung bessern sie damit so wenig
als wenn eine Krankheit unter euern Schafen ist und ihr schicktet den
Wolf in den Stall. Aber was soll das hier? Genug mein Freund bat
mich sein Advokat zu sein und ich verhalf ihm zur Freiheit. Es war
das kaum bekannt worden als mich eines Tages ein elender Mensch auf
der Strasse anrannte und mich mit Beleidigungen ueberhaeufte. Ich konnte
mich nicht anders von ihm losmachen als durch einen Stoss gegen die
Brust denn er war berauscht und keiner Erwiderung wert. Kaum hatte
ich mich aus dem Menschenschwarm herausgewunden und war in ein Cafe
getreten so kam mir schon ein Verwandter jenes Menschen nach
nuechtern von Wein aber trunken von Gift und Zorn und stellte mich
zur Rede dass ich wie ein Ehrloser auf Worte mit Faeusten geantwortet
haette statt zu tun was jeder Galant'uomo* getan haben wuerde. Ich
antwortete so gemaessigt wie ich konnte denn schon durchschaute ich's
...



 
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