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HEIDI KANN BRAUCHEN - WAS ES GELERNT HAT HEIDI KANN BRAUCHEN - WAS ES GELERNT HAT JOHANNA SPYRI Inhalt Reisezuruestungen Ein Gast auf der Alm Eine Vergeltung Der Winter im Doerfli Der Winter dauert fort Die fernen Freunde regen sich Wie es auf der Alp weitergeht Es geschieht was keiner erwartet hat Es wird Abschied genommen aber auf Wiedersehen Reisezuruestungen Der freundliche Herr Doktor der den Entscheid gegeben hatte dass das Kind Heidi wieder in seine Heimat zurueckgebracht werden sollte ging eben durch die breite Strasse dem Hause Sesemann zu. Es war ein sonniger Septembermorgen so licht und lieblich dass man haette denken koennen alle Menschen muessten sich darueber freuen. Aber der Herr Doktor schaute auf die weissen Steine zu seinen Fuessen so dass er den blauen Himmel ueber sich nicht einmal bemerken konnte. Es lag eine Traurigkeit auf seinem Gesichte die man vorher nie da gesehen hatte und seine Haare waren viel grauer geworden seit dem Fruehjahr. Der Doktor hatte eine einzige Tochter gehabt mit der er seit dem Tode seiner Frau sehr nahe zusammen gelebt hatte und die seine ganze Freude gewesen war. Vor einigen Monaten war ihm das bluehende Maedchen durch den Tod entrissen worden. Seither sah man den Herrn Doktor nie mehr so recht froehlich wie er vorher fast immer gewesen war. Auf den Zug an der Hausglocke oeffnete Sebastian mit grosser Zuvorkommenheit die Eingangstuer und machte gleich alle Bewegungen eines ergebenen Dieners; denn der Herr Doktor war nicht nur der erste Freund des Hausherrn und dessen Toechterchen durch seine Freundlichkeit hatte er sich wie ueberall die saemtlichen Hausbewohner zu guten Freunden gemacht. "Alles beim alten Sebastian?" fragte der Herr Doktor wie gewohnt mit freundlicher Stimme und ging die Treppe hinauf gefolgt von Sebastian der nicht aufhoerte allerlei Zeichen der Ergebenheit zu machen obschon der Herr Doktor sie eigentlich nicht sehen konnte denn er kehrte dem Nachfolgenden den Ruecken. "Gut dass du kommst Doktor" rief Herr Sesemann dem Eintretenden entgegen. "Wir muessen durchaus noch einmal die Schweizerreise besprechen ich muss von dir hoeren ob du unter allen Umstaenden bei deinem Ausspruche bleibst auch nachdem nun bei Klaerchen entschieden ein besserer Zustand eingetreten ist." "Mein lieber Sesemann wie kommst du mir denn vor?" entgegnete der Angekommene indem er sich zu seinem Freunde hinsetzte. "Ich moechte wirklich wuenschen dass deine Mutter hier waere; mit der wird alles gleich klar und einfach und kommt ins rechte Geleise. Mit dir aber ist ja kein Fertigwerden. Du laessest mich heute zum dritten Male zu dir kommen damit ich dir immer noch einmal dasselbe sage. - "Ja du hast recht die Sache muss dich ungeduldig machen aber du musst doch begreifen lieber Freund" - und Herr Sesemann legte seine Hand wie bittend auf die Schulter seines Freundes - "es wird mir gar zu schwer dem Kinde zu versagen was ich ihm so bestimmt versprochen hatte und worauf es sich nun monatelang Tag und Nacht gefreut hat. Auch diese letzte schlimme Zeit hat das Kind so geduldig ertragen immer in der Hoffnung dass die Schweizerreise nahe sei und dass es seine Freundin Heidi auf der Alp besuchen koenne; und nun soll ich dem guten Kinde das ja sonst schon so vieles entbehren muss die langgenaehrte Hoffnung mit einemmal wieder durchstreichen - das ist mir fast nicht moeglich." "Sesemann das muss sein" sagte sehr bestimmt der Herr Doktor und als sein Freund stillschweigend und niedergeschlagen dasass fuhr er nach einer Weile fort: "Bedenke doch wie die Sache steht. Klara hat seit Jahren keinen so schlimmen Sommer gehabt wie dieser letzte war. Von einer so grossen Reise kann keine Rede sein ohne dass wir die schlimmsten Folgen zu befuerchten haetten. Dazu sind wir nun in den September eingetreten da kann es ja noch schoen sein oben auf der Alp es kann aber auch schon sehr kuehl werden. Die Tage sind nicht mehr lang und oben bleiben und da die Naechte zubringen kann Klara doch nun gar nicht. So haette sie kaum ein paar Stunden oben zu verweilen. Der Weg von Bad Ragaz dort hinauf muss ja schon mehrere Stunden dauern denn zur Alp hinauf muss sie entschieden im Sessel getragen werden. Kurz Sesemann es kann nicht sein! Aber ich will mit dir hineingehen und mit Klara reden sie ist ja ein vernuenftiges Maedchen ich will ihr meinen Plan mitteilen. Im kommenden Mai soll sie erst nach Ragaz hinkommen; dort soll eine laengere Badekur unternommen werden so lange bis es huebsch warm wird oben auf der Alp. Dann kann sie dort von Zeit zu Zeit hinaufgetragen werden da wird sie diese Bergpartien erfrischt und gestaerkt wie sie dann sein wird ganz anders geniessen als es jetzt geschaehe. Du begreifst auch Sesemann wenn wir noch eine leise Hoffnung fuer den Zustand deines Kindes aufrechterhalten wollen so haben wir die aeusserste Schonung und die sorgfaeltigste Behandlung zu beobachten." Herr Sesemann der bis dahin schweigend und mit dem Ausdrucke trauriger Ergebung zugehoert hatte fuhr jetzt auf einmal empor: "Doktor" rief er aus "sag es mir ehrlich: Hast du wirklich noch Hoffnung auf eine Aenderung dieses Zustandes?" Der Herr Doktor zuckte die Achseln. "Wenig" sagte er halblaut. "Aber komm denk einmal einen Augenblick an mich lieber Freund! Hast du nicht ein liebes Kind das nach dir verlangt und sich auf deine Heimkehr freut wenn du weg bist? Nie musst du in ein veroedetes Haus zurueckkehren und dich allein an deinen Tisch hinsetzen. Und dein Kind hat's auch gut daheim. Muss es auch vieles entbehren was andere geniessen koennen so ist es in manch anderem auch vor vielen bevorzugt. Nein Sesemann ihr seid nicht so sehr zu beklagen ihr habt es doch recht gut so zusammenzusein; denk an mein einsames Haus!" Herr Sesemann war aufgestanden und ging nun mit grossen Schritten im Zimmer auf und ab wie er immer zu tun pflegte wenn ihn irgendeine Sache stark beschaeftigte. Auf einmal stand er vor seinem Freunde still und klopfte ihm auf die Schulter. "Doktor ich habe einen Gedanken: Ich kann dich nicht so sehen du bist ja gar nicht mehr der alte. Du musst ein wenig aus dir heraus und weisst du wie? Du sollst die Reise unternehmen und das Kind Heidi auf seiner Alp besuchen in unser aller Namen." Der Herr Doktor war sehr ueberrascht von dem Vorschlage und wollte sich dagegen wehren aber Herr Sesemann liess ihm keine Zeit. Er war so erfreut und erfuellt von seiner neuen Idee dass er den Freund unter den Arm fasste und nach dem Zimmer seines Toechterchens hinueberzog. Der gute Herr Doktor war fuer die kranke Klara immer eine erfreuliche Erscheinung denn er hatte sie von jeher mit einer grossen Freundlichkeit behandelt und ihr jedesmal wenn er kam etwas Lustiges und Erheiterndes zu erzaehlen gewusst. Warum er das jetzt nicht mehr konnte wusste sie wohl und haette so gern ihn wieder froh gemacht. Sie streckte ihm gleich die Hand entgegen und er setzte sich zu ihr hin. Herr Sesemann rueckte seinen Stuhl auch heran und indem er Klara bei der Hand fasste fing er an von der Schweizerreise zu reden und wie er sich selbst darauf gefreut hatte. Ueber den Hauptpunkt aber dass sie nun unmoeglich mehr stattfinden koennte glitt er eilig hinweg denn er fuerchtete sich ein wenig vor den kommenden Traenen. Dann ging er schnell auf den neuen Gedanken ueber und machte Klara darauf aufmerksam wie wohltaetig es fuer ihren guten Freund waere wenn er diese Erholungsreise unternehmen wuerde. Die Traenen waren wirklich aufgestiegen und schwammen in den blauen Augen wie sehr sich auch Klara Muehe gab sie niederzudruecken denn sie wusste wie ungern der Papa sie weinen sah. Aber es war auch hart dass nun alles aus sein sollte und den ganzen Sommer hindurch war die Aussicht auf die Reise zum Heidi ihre einzige Freude und ihr Trost gewesen in all den langen einsamen Stunden die sie durchlebt hatte. Aber Klara war nicht gewohnt zu markten sie wusste recht gut dass der Papa ihr nur versagte was zum Boesen fuehren wuerde und darum nicht sein durfte. Sie schluckte ihre Traenen hinunter und wandte sich nun der einzigen Hoffnung zu die ihr blieb. Sie nahm die Hand ihres guten Freundes und streichelte sie und bat flehentlich: "O bitte Herr Doktor nicht wahr Sie gehen zum Heidi und dann kommen Sie um mir alles zu erzaehlen wie es ist dort oben und was das Heidi macht und der Grossvater und der Peter und die Geissen ich kenne sie alle so gut! Und dann nehmen Sie mit was ich dem Heidi schicken will ich habe schon alles ausgedacht und auch etwas fuer die Grossmutter. Bitte Herr Doktor tun Sie's doch; ich will auch gewiss unterdessen Fischtran nehmen soviel Sie nur wollen." Ob dieses Versprechen der Sache den Ausschlag gab kann man nicht wissen aber es ist anzunehmen denn der Herr Doktor laechelte und sagte: "Dann muss ich ja wohl gehen Klaerchen so wirst du uns einmal rund und fest wie wir dich haben wollen Papa und ich. Und wann muss ich denn reisen hast du das schon bestimmt?" "Am liebsten gleich morgen frueh Herr Doktor" entgegnete Klara. "Ja sie hat recht" fiel hier der Vater ein; "die Sonne scheint der Himmel ist blau es ist keine Zeit zu verlieren fuer jeden solchen Tag ist es schade den du noch nicht auf der Alp geniessen kannst." Der Herr Doktor musste ein wenig lachen: "Naechstens wirst du mir vorwerfen dass ich noch da bin Sesemann; so muss ich wohl machen dass ich fortkomme." Aber Klara hielt den Aufstehenden fest; erst musste sie ihm ja noch alle Auftraege an das Heidi uebergeben und ihm noch so vieles anempfehlen das er recht betrachten und ihr dann davon erzaehlen sollte. Die Sendung an das Heidi konnte ihm erst spaeter zugeschickt werden denn Fraeulein Rottenmeier musste erst alles verpacken helfen; sie war aber eben auf einer ihrer Wanderungen durch die Stadt begriffen von denen sie nicht so schnell zurueckkehrte. Der Herr Doktor versprach alles genau auszurichten die Reise wenn nicht am Morgen frueh so doch womoeglich noch im Laufe des folgenden Tages anzutreten und dann bei seiner Heimkehr getreulich Bericht zu erstatten ueber alles was er gesehen und erlebt haben wuerde. Die Diener eines Hauses haben oft eine merkwuerdige Gabe die Dinge zu erfassen die im Hause ihrer Herren vor sich gehen lange bevor diese dazu kommen ihnen Mitteilung davon zu machen. Sebastian und Tinette mussten diese Gabe in hohem Grade besitzen denn eben als der Herr Doktor von Sebastian begleitet die Treppe hinunterging trat Tinette ins Zimmer der Klara ein die nach dem Maedchen geschellt hatte. "Holen Sie diese Schachtel voll ganz frischer weicher Kuchen wie wir sie zum Kaffee haben Tinette" sagte Klara und deutete auf die Schachtel hin die schon lange bereitgestanden hatte. Tinette erfasste das bezeichnete Ding an einer Ecke und liess es veraechtlich an ihrer Hand baumeln. Unter der Tuere sagte sie schnippisch: "Es ist wohl der Muehe wert." Als der Sebastian unten mit gewohnter Hoeflichkeit die Tuere aufgemacht hatte sagte er mit einem Bueckling: "Wenn der Herr Doktor wollten so freundlich sein und dem Mamsellchen auch einen Gruss vom Sebastian bestellen." "Ah sieh da Sebastian" sagte der Herr Doktor freundlich; "so wissen Sie denn auch schon dass ich reise?" Sebastian musste ein wenig husten. "Ich bin... ich habe... ich weiss selbst nicht mehr recht... ach ja jetzt erinnere ich mich: Ich bin eben zufaellig durch das Esszimmer gegangen da habe ich den Namen des Mamsellchens aussprechen gehoert und wie es so geht man haengt dann so einen Gedanken an den anderen an und so... und in der Weise..." "Jawohl jawohl" laechelte der Herr Doktor "und je mehr Gedanken einer hat je mehr wird er inne. Auf Wiedersehen Sebastian der Gruss wird bestellt." Jetzt wollte der Herr Doktor gerade durch die offene Haustuer enteilen aber er traf auf ein Hindernis: Der starke Wind hatte Fraeulein Rottenmeier verhindert ihre Wanderung weiter fortzusetzen; eben war sie zurueckgekehrt und wollte ihrerseits durch die offene Tuer eintreten. Der Wind hatte ihr weites Tuch in das sie sich gehuellt hatte aber dergestalt aufgeblaeht dass es gerade so anzusehen war als habe sie die Segel aufgespannt. Der Herr Doktor wich augenblicklich zurueck. Aber gegen diesen Mann hatte Fraeulein Rottenmeier von jeher eine besondere Anerkennung und Zuvorkommenheit an den Tag gelegt. Auch sie wich mit ausgesuchter Hoeflichkeit zurueck und eine Weile standen die beiden mit ruecksichtsvoller Gebaerde da und machten einander gegenseitig Platz. Jetzt aber kam ein so starker Windstoss dass Fraeulein Rottenmeier auf einmal mit vollen Segeln gegen den Doktor heranflog. Er konnte eben noch ausweichen; die Dame aber wurde noch ein gutes Stueck ueber ihn hinausgetrieben so dass sie wieder zurueckkehren musste um nun den Freund des Hauses mit Anstand zu begruessen. Der gewalttaetige Vorgang hatte sie ein wenig verstimmt aber der Herr Doktor hatte eine Art und Weise die ihr gekraeuseltes Gemuet bald glaettete und eine sanfte Stimmung darueber verbreitete. Er teilte ihr seinen Reiseplan mit und bat sie in der einnehmendsten Weise ihm die Sendung an das Heidi so zu verpacken wie nur sie zu packen verstehe. Dann empfahl sich der Herr Doktor. Klara erwartete dass sie erst einige Kaempfe mit Fraeulein Rottenmeier zu bestehen haben wuerde bevor diese ihre Zustimmung zum Absenden all der Gegenstaende geben werde die Klara fuer das Heidi bestimmt hatte. Aber diesmal hatte sie sich getaeuscht: Fraeulein Rottenmeier war ausnehmend gut gelaunt. Sogleich raeumte sie alles weg was auf dem grossen Tische lag um die Dinge alle die Klara zusammengebracht hatte darauf auszubreiten und dann vor ihren Augen die Sendung zu verpacken. Es war keine leichte Arbeit denn die Gegenstaende die da zusammengerollt werden sollten waren vielgestaltig. Erst kam der kleine dicke Mantel mit der Kapuze den Klara fuer das Heidi ausgesonnen hatte damit es im kommenden Winter die Grossmutter besuchen koennte wann es wollte und nicht warten muesste bis der Grossvater kommen konnte und es dann in den Sack eingewickelt werden musste damit es nicht erfriere. Dann kam ein dickes warmes Tuch fuer die alte Grossmutter damit sie sich darin einhuelle und nicht frieren muesse wenn der Wind wieder so schaurig um die Huette klappern wuerde. Dann kam die grosse Schachtel mit den Kuchen; die war auch fuer die Grossmutter bestimmt dass sie zu ihrem Kaffee auch einmal etwas anderes als ein Broetchen zu essen habe. Jetzt folgte eine ungeheure Wurst; die hatte Klara urspruenglich fuer den Peter bestimmt weil er doch nie etwas anderes als Kaese und Brot bekam. Aber sie hatte sich jetzt anders besonnen denn sie fuerchtete der Peter koennte vor Freuden die ganze Wurst auf einmal aufessen. Darum sollte die Mutter Brigitte diese bekommen und erst fuer sich und die Grossmutter einen guten Teil davon nehmen und dem Peter den seinigen in verschiedenen Lieferungen abgeben. Jetzt kam noch ein Saeckchen Tabak; der war fuer den Grossvater der ja so gern ein Pfeifchen rauchte wenn er am Abend vor der Huette sass. Zuletzt kam noch eine Anzahl geheimnisvoller Saeckchen Paeckchen und Schaechtelchen welche Klara mit besonderer Freude zusammengekramt hatte denn da sollte das Heidi allerhand Ueberraschungen finden die ihm grosse Freude machen wuerden. Endlich war das Werk beendet und ein stattlicher Ballen lag reisefertig an der Erde. Fraeulein Rottenmeier schaute darauf nieder in tiefsinnige Betrachtungen ueber die Kunst zu packen versunken. Klara ihrerseits warf Blicke froher Erwartung darauf hin denn sie sah das Heidi vor sich wie es vor Ueberraschung in die Hoehe springen und aufjauchzen wuerde wenn das ungeheure Paket bei ihm anlangte. Jetzt trat Sebastian herein und hob mit einem starken Schwung den Ballen auf seine Schulter um ihn unverzueglich nach dem Hause des Herrn Doktors zu spedieren. Ein Gast auf der Alm Das Fruehrot gluehte ueber den Bergen und ein frischer Morgenwind rauschte durch die Tannen und wogte die alten Aeste maechtig hin und her. Das Heidi schlug seine Augen auf der Ton hatte es erweckt. Dieses Rauschen packte das Heidi immer im Innersten seines Wesens und zog es mit Gewalt hinaus unter die Tannen. Es schoss von seinem Lager auf und hatte kaum Zeit sich fertigzumachen; das musste aber doch sein denn Heidi wusste nun recht gut dass man immer sauber und ordentlich aussehen muss. Jetzt kam es von dem Leiterchen herunter; des Grossvaters Lager war schon leer; es sprang hinaus. Draussen vor der Tuer stand der Grossvater und schaute den Himmel nach allen Seiten hin an wie er jeden Morgen tat um zu sehen wie der Tag werden wollte. Es zogen rosige Woelkchen oben hin und mehr und mehr blaute der Himmel und drueben floss es wie lauter Gold ueber die Hoehen und das Weideland denn eben kam droben die Sonne ueber die hohen Felsen heraufgestiegen. "O wie schoen! O wie schoen! Guten Tag Grossvater" rief das Heidi heranspringend. "So sind deine Augen auch schon hell?" gab der Grossvater zurueck dem Heidi die Hand zum Morgengruss hinhaltend. Jetzt lief das Heidi unter die Tannen und huepfte vor Freuden ueber das Tosen und Sausen da droben unter den wogenden Aesten herum und bei jedem neuen Windstoss und lauten Wipfelbrausen jauchzte es auf vor Wonne und sprang noch ein wenig hoeher. Unterdessen war der Grossvater zum Stalle hingegangen und hatte dem Schwaenli und Baerli die Milch abgenommen; dann hatte er beide schoen geputzt und gewaschen zur Bergreise und brachte sie nun auf den Platz heraus. Als das Heidi seine Freunde erblickte kam es herangesprungen und fasste sie beide um den Hals begruesste sie zaertlich und sie meckerten froehlich und zutraulich und jede von den Geissen wollte dem Heidi mehr Zuneigung beweisen und drueckte ihren Kopf noch immer naeher an seine Schultern heran so dass es zwischen den zweien fast zerdrueckt wurde. Aber das Heidi hatte keine Furcht und wenn das lebhafte Baerli gar zu arg bohrte und draengte mit seinem Kopfe dann sagte das Heidi: "Nein Baerli du stoesst ja wie der grosse Tuerk" und augenblicklich zog Baerli seinen Kopf zurueck und stellte sich ganz anstaendig hin und das Schwaenli hatte auch schon seinen Kopf in die Hoehe gereckt und machte eine vornehme Gebaerde so dass man deutlich sehen konnte es dachte bei sich: Das soll mir denn keiner nachsagen dass ich mich benehme wie der Tuerk. Denn das schneeweisse Schwaenli war noch ein wenig vornehmer als das braune Baerli. Jetzt hoerte man von unten herauf die Pfiffe des Peter ertoenen und bald kamen sie heraufgesprungen die lustigen Geissen alle voran der flinke Distelfink in hohen Spruengen. Gleich war das Heidi wieder mitten in dem Rudel drin und vor lauter stuermischen Begruessungen wurde es hin- und hergeschoben und dann schob es wieder ein wenig denn es wollte zu dem schuechternen Schneehoeppli vordringen das ja von den groesseren immer wieder weggedraengt wurde wenn es dem Heidi entgegenstrebte. Nun kam der Peter heran und tat einen letzten fuerchterlichen Pfiff der sollte die Geissen aufscheuchen und der Weide zujagen denn er wollte Platz bekommen um dem Heidi etwas zu sagen. Die Geissen sprangen ein wenig auseinander auf den Pfiff hin; so konnte der Peter vorruecken und sich nun vor das Heidi hinstellen. "Du kannst einmal wieder mitkommen heut" war seine etwas stoerrige Anrede. "Nein das kann ich nicht Peter" entgegnete das Heidi. "Jeden Augenblick koennen sie jetzt von Frankfurt kommen und dann muss ich daheim sein." "Das hast du schon manchmal gesagt" brummte der Peter. "Es gilt aber immer noch und es gilt bis sie kommen" gab das Heidi zurueck. "Oder meinst du etwa ich muesse nicht daheim sein wenn sie von Frankfurt zu mir kommen? Meinst du etwa so etwas Peter?" "Sie koennen zum Oehi kommen" versetzte der Peter knurrend. Jetzt ertoente von der Huette her die kraeftige Stimme des Grossvaters: "Warum geht's nicht vorwaerts mit der Armee? Fehlt's am Feldmarschall oder an den Truppen?" Augenblicklich machte der Peter kehrum schwang seine Rute in der Luft dass sie sauste und alle Geissen die den Ton wohl kannten auf und davon rannten der Peter hinter ihnen drein alle miteinander in vollem Trabe den Berg hinan. Seit das Heidi wieder daheim beim Grossvater war kam ihm hier und da etwas in den Sinn woran es vorher nicht gedacht hatte. So machte es jetzt alle Morgen mit grosser Anstrengung sein Bett zurecht und strich so lange daran herum bis es ganz glatt aussah. Dann lief es in der Huette hin und her stellte jeden Stuhl an seinen Ort und was etwa da und dort herumlag oder -hing das kramte es alles in den Schrank hinein. Dann holte es einen Lappen herbei kletterte auf einen Stuhl hinauf und rieb so lange mit seinem Lappen auf dem Tische herum bis dieser ganz blank war. Wenn dann der Grossvater wieder hereinkam schaute er wohlgefaellig um sich und sagte etwa: "Bei uns ist's jetzt immer wie Sonntag das Heidi ist nicht vergebens in der Fremde gewesen." Auch heute hatte Heidi nachdem der Peter fortgetrabt war und es mit dem Grossvater gefruehstueckt hatte sich gleich an seine Geschaefte gemacht aber es wurde fast nicht fertig damit. Draussen war es heut morgen gar so schoen und alle Augenblicke geschah wieder etwas was das Kind in seiner Taetigkeit unterbrach. Jetzt kam durch das offene Fenster ein Sonnenstrahl so lustig hereingeschossen und es war geradezu als riefe er: "Komm heraus Heidi komm heraus!" Da konnte es nicht mehr drinnen bleiben es rannte hinaus. Da lag der funkelnde Sonnenschein um die ganze Huette herum und auf allen Bergen glaenzte er und weit weit das Tal hinunter und der Boden dort am Abhang sah so goldig und trocken aus es musste ein wenig darauf niedersetzen und umherschauen. Dann kam ihm auf einmal in den Sinn dass das Dreibeinstuehlchen noch mitten in der Huette stand und der Tisch noch nicht geputzt war vom Morgenessen. Nun sprang es schnell auf und lief in die Huette zurueck. Aber es waehrte gar nicht lange so sauste es draussen so maechtig durch die Tannen dass es dem Heidi in alle Glieder fuhr es musste schon wieder hinaus und ein wenig mithuepfen wenn alle Zweige da droben hin und her wogten und rollten. Der Grossvater hatte einstweilen hinten im Schopf allerlei Arbeit zu verrichten; er trat von Zeit zu Zeit unter die Tuer hinaus und schaute laechelnd Heidis Spruengen zu. Eben war er wieder zurueckgetreten als mit einemmal das Heidi laut aufschrie: "Grossvater Grossvater! Komm komm!" Er trat rasch wieder heraus fast erschrocken was mit dem Kinde sei. Da sah er wie dieses dem Abhange zulief laut schreiend: "Sie kommen sie kommen! Und voran der Herr Doktor!" Das Heidi stuerzte seinem alten Freunde entgegen. Dieser streckte gruessend die Hand aus. Wie das Kind ihn erreicht hatte umfasste es zaertlich den ausgestreckten Arm und rief in voller Herzensfreude: "Guten Tag Herr Doktor! Und ich danke auch noch vieltausendmal!" "Gruess Gott Heidi! Und wofuer dankst du denn schon?" fragte ...
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