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HEIDI KANN BRAUCHEN - WAS ES GELERNT HAT
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HEIDI KANN BRAUCHEN - WAS ES GELERNT HAT

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HEIDI KANN BRAUCHEN - WAS ES GELERNT HAT

JOHANNA SPYRI

Inhalt

Reisezuruestungen

Ein Gast auf der Alm

Eine Vergeltung

Der Winter im Doerfli

Der Winter dauert fort

Die fernen Freunde regen sich

Wie es auf der Alp weitergeht

Es geschieht was keiner erwartet hat

Es wird Abschied genommen aber auf Wiedersehen

Reisezuruestungen

Der freundliche Herr Doktor der den Entscheid gegeben hatte dass
das Kind Heidi wieder in seine Heimat zurueckgebracht werden sollte
ging eben durch die breite Strasse dem Hause Sesemann zu. Es war ein
sonniger Septembermorgen so licht und lieblich dass man haette
denken koennen alle Menschen muessten sich darueber freuen. Aber der
Herr Doktor schaute auf die weissen Steine zu seinen Fuessen so dass
er den blauen Himmel ueber sich nicht einmal bemerken konnte. Es lag
eine Traurigkeit auf seinem Gesichte die man vorher nie da gesehen
hatte und seine Haare waren viel grauer geworden seit dem Fruehjahr.
Der Doktor hatte eine einzige Tochter gehabt mit der er seit dem Tode
seiner Frau sehr nahe zusammen gelebt hatte und die seine ganze Freude
gewesen war. Vor einigen Monaten war ihm das bluehende Maedchen durch
den Tod entrissen worden. Seither sah man den Herrn Doktor nie mehr so
recht froehlich wie er vorher fast immer gewesen war.

Auf den Zug an der Hausglocke oeffnete Sebastian mit grosser
Zuvorkommenheit die Eingangstuer und machte gleich alle Bewegungen
eines ergebenen Dieners; denn der Herr Doktor war nicht nur der
erste Freund des Hausherrn und dessen Toechterchen durch seine
Freundlichkeit hatte er sich wie ueberall die saemtlichen
Hausbewohner zu guten Freunden gemacht.

"Alles beim alten Sebastian?" fragte der Herr Doktor wie gewohnt mit
freundlicher Stimme und ging die Treppe hinauf gefolgt von Sebastian
der nicht aufhoerte allerlei Zeichen der Ergebenheit zu machen
obschon der Herr Doktor sie eigentlich nicht sehen konnte denn er
kehrte dem Nachfolgenden den Ruecken.

"Gut dass du kommst Doktor" rief Herr Sesemann dem Eintretenden
entgegen. "Wir muessen durchaus noch einmal die Schweizerreise
besprechen ich muss von dir hoeren ob du unter allen Umstaenden bei
deinem Ausspruche bleibst auch nachdem nun bei Klaerchen entschieden
ein besserer Zustand eingetreten ist."

"Mein lieber Sesemann wie kommst du mir denn vor?" entgegnete der
Angekommene indem er sich zu seinem Freunde hinsetzte. "Ich moechte
wirklich wuenschen dass deine Mutter hier waere; mit der wird alles
gleich klar und einfach und kommt ins rechte Geleise. Mit dir aber ist
ja kein Fertigwerden. Du laessest mich heute zum dritten Male zu dir
kommen damit ich dir immer noch einmal dasselbe sage. -

"Ja du hast recht die Sache muss dich ungeduldig machen aber du
musst doch begreifen lieber Freund" - und Herr Sesemann legte seine
Hand wie bittend auf die Schulter seines Freundes - "es wird mir gar
zu schwer dem Kinde zu versagen was ich ihm so bestimmt versprochen
hatte und worauf es sich nun monatelang Tag und Nacht gefreut hat.
Auch diese letzte schlimme Zeit hat das Kind so geduldig ertragen
immer in der Hoffnung dass die Schweizerreise nahe sei und dass es
seine Freundin Heidi auf der Alp besuchen koenne; und nun soll ich
dem guten Kinde das ja sonst schon so vieles entbehren muss die
langgenaehrte Hoffnung mit einemmal wieder durchstreichen - das ist
mir fast nicht moeglich."

"Sesemann das muss sein" sagte sehr bestimmt der Herr Doktor und
als sein Freund stillschweigend und niedergeschlagen dasass fuhr er
nach einer Weile fort: "Bedenke doch wie die Sache steht. Klara hat
seit Jahren keinen so schlimmen Sommer gehabt wie dieser letzte war.
Von einer so grossen Reise kann keine Rede sein ohne dass wir die
schlimmsten Folgen zu befuerchten haetten. Dazu sind wir nun in den
September eingetreten da kann es ja noch schoen sein oben auf der
Alp es kann aber auch schon sehr kuehl werden. Die Tage sind nicht
mehr lang und oben bleiben und da die Naechte zubringen kann Klara
doch nun gar nicht. So haette sie kaum ein paar Stunden oben zu
verweilen. Der Weg von Bad Ragaz dort hinauf muss ja schon mehrere
Stunden dauern denn zur Alp hinauf muss sie entschieden im Sessel
getragen werden. Kurz Sesemann es kann nicht sein! Aber ich will
mit dir hineingehen und mit Klara reden sie ist ja ein vernuenftiges
Maedchen ich will ihr meinen Plan mitteilen. Im kommenden Mai soll
sie erst nach Ragaz hinkommen; dort soll eine laengere Badekur
unternommen werden so lange bis es huebsch warm wird oben auf der
Alp. Dann kann sie dort von Zeit zu Zeit hinaufgetragen werden da
wird sie diese Bergpartien erfrischt und gestaerkt wie sie dann sein
wird ganz anders geniessen als es jetzt geschaehe. Du begreifst
auch Sesemann wenn wir noch eine leise Hoffnung fuer den Zustand
deines Kindes aufrechterhalten wollen so haben wir die aeusserste
Schonung und die sorgfaeltigste Behandlung zu beobachten."

Herr Sesemann der bis dahin schweigend und mit dem Ausdrucke
trauriger Ergebung zugehoert hatte fuhr jetzt auf einmal empor:

"Doktor" rief er aus "sag es mir ehrlich: Hast du wirklich noch
Hoffnung auf eine Aenderung dieses Zustandes?"

Der Herr Doktor zuckte die Achseln. "Wenig" sagte er halblaut. "Aber
komm denk einmal einen Augenblick an mich lieber Freund! Hast du
nicht ein liebes Kind das nach dir verlangt und sich auf deine
Heimkehr freut wenn du weg bist? Nie musst du in ein veroedetes Haus
zurueckkehren und dich allein an deinen Tisch hinsetzen. Und dein
Kind hat's auch gut daheim. Muss es auch vieles entbehren was
andere geniessen koennen so ist es in manch anderem auch vor vielen
bevorzugt. Nein Sesemann ihr seid nicht so sehr zu beklagen ihr
habt es doch recht gut so zusammenzusein; denk an mein einsames
Haus!"

Herr Sesemann war aufgestanden und ging nun mit grossen Schritten im
Zimmer auf und ab wie er immer zu tun pflegte wenn ihn irgendeine
Sache stark beschaeftigte. Auf einmal stand er vor seinem Freunde
still und klopfte ihm auf die Schulter.

"Doktor ich habe einen Gedanken: Ich kann dich nicht so sehen du
bist ja gar nicht mehr der alte. Du musst ein wenig aus dir heraus
und weisst du wie? Du sollst die Reise unternehmen und das Kind Heidi
auf seiner Alp besuchen in unser aller Namen."

Der Herr Doktor war sehr ueberrascht von dem Vorschlage und wollte
sich dagegen wehren aber Herr Sesemann liess ihm keine Zeit. Er war
so erfreut und erfuellt von seiner neuen Idee dass er den Freund
unter den Arm fasste und nach dem Zimmer seines Toechterchens
hinueberzog. Der gute Herr Doktor war fuer die kranke Klara immer eine
erfreuliche Erscheinung denn er hatte sie von jeher mit einer grossen
Freundlichkeit behandelt und ihr jedesmal wenn er kam etwas Lustiges
und Erheiterndes zu erzaehlen gewusst. Warum er das jetzt nicht mehr
konnte wusste sie wohl und haette so gern ihn wieder froh gemacht.
Sie streckte ihm gleich die Hand entgegen und er setzte sich zu ihr
hin. Herr Sesemann rueckte seinen Stuhl auch heran und indem er Klara
bei der Hand fasste fing er an von der Schweizerreise zu reden und
wie er sich selbst darauf gefreut hatte. Ueber den Hauptpunkt aber
dass sie nun unmoeglich mehr stattfinden koennte glitt er eilig
hinweg denn er fuerchtete sich ein wenig vor den kommenden Traenen.
Dann ging er schnell auf den neuen Gedanken ueber und machte Klara
darauf aufmerksam wie wohltaetig es fuer ihren guten Freund waere
wenn er diese Erholungsreise unternehmen wuerde.

Die Traenen waren wirklich aufgestiegen und schwammen in den blauen
Augen wie sehr sich auch Klara Muehe gab sie niederzudruecken denn
sie wusste wie ungern der Papa sie weinen sah. Aber es war auch hart
dass nun alles aus sein sollte und den ganzen Sommer hindurch war die
Aussicht auf die Reise zum Heidi ihre einzige Freude und ihr Trost
gewesen in all den langen einsamen Stunden die sie durchlebt hatte.
Aber Klara war nicht gewohnt zu markten sie wusste recht gut dass
der Papa ihr nur versagte was zum Boesen fuehren wuerde und darum
nicht sein durfte. Sie schluckte ihre Traenen hinunter und wandte sich
nun der einzigen Hoffnung zu die ihr blieb. Sie nahm die Hand ihres
guten Freundes und streichelte sie und bat flehentlich:

"O bitte Herr Doktor nicht wahr Sie gehen zum Heidi und dann
kommen Sie um mir alles zu erzaehlen wie es ist dort oben und was
das Heidi macht und der Grossvater und der Peter und die Geissen ich
kenne sie alle so gut! Und dann nehmen Sie mit was ich dem Heidi
schicken will ich habe schon alles ausgedacht und auch etwas fuer die
Grossmutter. Bitte Herr Doktor tun Sie's doch; ich will auch gewiss
unterdessen Fischtran nehmen soviel Sie nur wollen."

Ob dieses Versprechen der Sache den Ausschlag gab kann man nicht
wissen aber es ist anzunehmen denn der Herr Doktor laechelte und
sagte: "Dann muss ich ja wohl gehen Klaerchen so wirst du uns einmal
rund und fest wie wir dich haben wollen Papa und ich. Und wann muss
ich denn reisen hast du das schon bestimmt?"

"Am liebsten gleich morgen frueh Herr Doktor" entgegnete Klara.

"Ja sie hat recht" fiel hier der Vater ein; "die Sonne scheint der
Himmel ist blau es ist keine Zeit zu verlieren fuer jeden solchen
Tag ist es schade den du noch nicht auf der Alp geniessen kannst."

Der Herr Doktor musste ein wenig lachen: "Naechstens wirst du mir
vorwerfen dass ich noch da bin Sesemann; so muss ich wohl machen
dass ich fortkomme."

Aber Klara hielt den Aufstehenden fest; erst musste sie ihm ja
noch alle Auftraege an das Heidi uebergeben und ihm noch so vieles
anempfehlen das er recht betrachten und ihr dann davon erzaehlen
sollte. Die Sendung an das Heidi konnte ihm erst spaeter zugeschickt
werden denn Fraeulein Rottenmeier musste erst alles verpacken
helfen; sie war aber eben auf einer ihrer Wanderungen durch die Stadt
begriffen von denen sie nicht so schnell zurueckkehrte.

Der Herr Doktor versprach alles genau auszurichten die Reise wenn
nicht am Morgen frueh so doch womoeglich noch im Laufe des folgenden
Tages anzutreten und dann bei seiner Heimkehr getreulich Bericht zu
erstatten ueber alles was er gesehen und erlebt haben wuerde.

Die Diener eines Hauses haben oft eine merkwuerdige Gabe die Dinge zu
erfassen die im Hause ihrer Herren vor sich gehen lange bevor diese
dazu kommen ihnen Mitteilung davon zu machen. Sebastian und Tinette
mussten diese Gabe in hohem Grade besitzen denn eben als der Herr
Doktor von Sebastian begleitet die Treppe hinunterging trat Tinette
ins Zimmer der Klara ein die nach dem Maedchen geschellt hatte.

"Holen Sie diese Schachtel voll ganz frischer weicher Kuchen wie
wir sie zum Kaffee haben Tinette" sagte Klara und deutete auf die
Schachtel hin die schon lange bereitgestanden hatte. Tinette erfasste
das bezeichnete Ding an einer Ecke und liess es veraechtlich an ihrer
Hand baumeln. Unter der Tuere sagte sie schnippisch:

"Es ist wohl der Muehe wert."

Als der Sebastian unten mit gewohnter Hoeflichkeit die Tuere
aufgemacht hatte sagte er mit einem Bueckling:

"Wenn der Herr Doktor wollten so freundlich sein und dem Mamsellchen
auch einen Gruss vom Sebastian bestellen."

"Ah sieh da Sebastian" sagte der Herr Doktor freundlich; "so wissen
Sie denn auch schon dass ich reise?"

Sebastian musste ein wenig husten.

"Ich bin... ich habe... ich weiss selbst nicht mehr recht... ach ja
jetzt erinnere ich mich: Ich bin eben zufaellig durch das Esszimmer
gegangen da habe ich den Namen des Mamsellchens aussprechen gehoert
und wie es so geht man haengt dann so einen Gedanken an den anderen
an und so... und in der Weise..."

"Jawohl jawohl" laechelte der Herr Doktor "und je mehr Gedanken
einer hat je mehr wird er inne. Auf Wiedersehen Sebastian der Gruss
wird bestellt."

Jetzt wollte der Herr Doktor gerade durch die offene Haustuer
enteilen aber er traf auf ein Hindernis: Der starke Wind hatte
Fraeulein Rottenmeier verhindert ihre Wanderung weiter fortzusetzen;
eben war sie zurueckgekehrt und wollte ihrerseits durch die offene
Tuer eintreten. Der Wind hatte ihr weites Tuch in das sie sich
gehuellt hatte aber dergestalt aufgeblaeht dass es gerade so
anzusehen war als habe sie die Segel aufgespannt. Der Herr Doktor
wich augenblicklich zurueck. Aber gegen diesen Mann hatte Fraeulein
Rottenmeier von jeher eine besondere Anerkennung und Zuvorkommenheit
an den Tag gelegt. Auch sie wich mit ausgesuchter Hoeflichkeit
zurueck und eine Weile standen die beiden mit ruecksichtsvoller
Gebaerde da und machten einander gegenseitig Platz. Jetzt aber kam ein
so starker Windstoss dass Fraeulein Rottenmeier auf einmal mit vollen
Segeln gegen den Doktor heranflog. Er konnte eben noch ausweichen; die
Dame aber wurde noch ein gutes Stueck ueber ihn hinausgetrieben so
dass sie wieder zurueckkehren musste um nun den Freund des Hauses mit
Anstand zu begruessen. Der gewalttaetige Vorgang hatte sie ein wenig
verstimmt aber der Herr Doktor hatte eine Art und Weise die ihr
gekraeuseltes Gemuet bald glaettete und eine sanfte Stimmung darueber
verbreitete. Er teilte ihr seinen Reiseplan mit und bat sie in der
einnehmendsten Weise ihm die Sendung an das Heidi so zu verpacken
wie nur sie zu packen verstehe. Dann empfahl sich der Herr Doktor.

Klara erwartete dass sie erst einige Kaempfe mit Fraeulein
Rottenmeier zu bestehen haben wuerde bevor diese ihre Zustimmung zum
Absenden all der Gegenstaende geben werde die Klara fuer das Heidi
bestimmt hatte. Aber diesmal hatte sie sich getaeuscht: Fraeulein
Rottenmeier war ausnehmend gut gelaunt. Sogleich raeumte sie alles
weg was auf dem grossen Tische lag um die Dinge alle die Klara
zusammengebracht hatte darauf auszubreiten und dann vor ihren
Augen die Sendung zu verpacken. Es war keine leichte Arbeit denn
die Gegenstaende die da zusammengerollt werden sollten waren
vielgestaltig. Erst kam der kleine dicke Mantel mit der Kapuze den
Klara fuer das Heidi ausgesonnen hatte damit es im kommenden Winter
die Grossmutter besuchen koennte wann es wollte und nicht warten
muesste bis der Grossvater kommen konnte und es dann in den Sack
eingewickelt werden musste damit es nicht erfriere. Dann kam ein
dickes warmes Tuch fuer die alte Grossmutter damit sie sich darin
einhuelle und nicht frieren muesse wenn der Wind wieder so schaurig
um die Huette klappern wuerde. Dann kam die grosse Schachtel mit den
Kuchen; die war auch fuer die Grossmutter bestimmt dass sie zu ihrem
Kaffee auch einmal etwas anderes als ein Broetchen zu essen habe.
Jetzt folgte eine ungeheure Wurst; die hatte Klara urspruenglich fuer
den Peter bestimmt weil er doch nie etwas anderes als Kaese und Brot
bekam. Aber sie hatte sich jetzt anders besonnen denn sie fuerchtete
der Peter koennte vor Freuden die ganze Wurst auf einmal aufessen.
Darum sollte die Mutter Brigitte diese bekommen und erst fuer sich
und die Grossmutter einen guten Teil davon nehmen und dem Peter den
seinigen in verschiedenen Lieferungen abgeben. Jetzt kam noch ein
Saeckchen Tabak; der war fuer den Grossvater der ja so gern ein
Pfeifchen rauchte wenn er am Abend vor der Huette sass. Zuletzt
kam noch eine Anzahl geheimnisvoller Saeckchen Paeckchen und
Schaechtelchen welche Klara mit besonderer Freude zusammengekramt
hatte denn da sollte das Heidi allerhand Ueberraschungen finden
die ihm grosse Freude machen wuerden. Endlich war das Werk beendet
und ein stattlicher Ballen lag reisefertig an der Erde. Fraeulein
Rottenmeier schaute darauf nieder in tiefsinnige Betrachtungen ueber
die Kunst zu packen versunken. Klara ihrerseits warf Blicke froher
Erwartung darauf hin denn sie sah das Heidi vor sich wie es vor
Ueberraschung in die Hoehe springen und aufjauchzen wuerde wenn das
ungeheure Paket bei ihm anlangte.

Jetzt trat Sebastian herein und hob mit einem starken Schwung den
Ballen auf seine Schulter um ihn unverzueglich nach dem Hause des
Herrn Doktors zu spedieren.

Ein Gast auf der Alm

Das Fruehrot gluehte ueber den Bergen und ein frischer Morgenwind
rauschte durch die Tannen und wogte die alten Aeste maechtig hin und
her. Das Heidi schlug seine Augen auf der Ton hatte es erweckt.
Dieses Rauschen packte das Heidi immer im Innersten seines Wesens und
zog es mit Gewalt hinaus unter die Tannen. Es schoss von seinem Lager
auf und hatte kaum Zeit sich fertigzumachen; das musste aber doch
sein denn Heidi wusste nun recht gut dass man immer sauber und
ordentlich aussehen muss. Jetzt kam es von dem Leiterchen herunter;
des Grossvaters Lager war schon leer; es sprang hinaus. Draussen vor
der Tuer stand der Grossvater und schaute den Himmel nach allen Seiten
hin an wie er jeden Morgen tat um zu sehen wie der Tag werden
wollte.

Es zogen rosige Woelkchen oben hin und mehr und mehr blaute der
Himmel und drueben floss es wie lauter Gold ueber die Hoehen und
das Weideland denn eben kam droben die Sonne ueber die hohen Felsen
heraufgestiegen.

"O wie schoen! O wie schoen! Guten Tag Grossvater" rief das Heidi
heranspringend.

"So sind deine Augen auch schon hell?" gab der Grossvater zurueck
dem Heidi die Hand zum Morgengruss hinhaltend.

Jetzt lief das Heidi unter die Tannen und huepfte vor Freuden ueber
das Tosen und Sausen da droben unter den wogenden Aesten herum und
bei jedem neuen Windstoss und lauten Wipfelbrausen jauchzte es auf vor
Wonne und sprang noch ein wenig hoeher.

Unterdessen war der Grossvater zum Stalle hingegangen und hatte dem
Schwaenli und Baerli die Milch abgenommen; dann hatte er beide schoen
geputzt und gewaschen zur Bergreise und brachte sie nun auf den Platz
heraus. Als das Heidi seine Freunde erblickte kam es herangesprungen
und fasste sie beide um den Hals begruesste sie zaertlich und sie
meckerten froehlich und zutraulich und jede von den Geissen wollte
dem Heidi mehr Zuneigung beweisen und drueckte ihren Kopf noch immer
naeher an seine Schultern heran so dass es zwischen den zweien fast
zerdrueckt wurde. Aber das Heidi hatte keine Furcht und wenn das
lebhafte Baerli gar zu arg bohrte und draengte mit seinem Kopfe dann
sagte das Heidi: "Nein Baerli du stoesst ja wie der grosse Tuerk"
und augenblicklich zog Baerli seinen Kopf zurueck und stellte sich
ganz anstaendig hin und das Schwaenli hatte auch schon seinen Kopf
in die Hoehe gereckt und machte eine vornehme Gebaerde so dass man
deutlich sehen konnte es dachte bei sich: Das soll mir denn keiner
nachsagen dass ich mich benehme wie der Tuerk. Denn das schneeweisse
Schwaenli war noch ein wenig vornehmer als das braune Baerli.

Jetzt hoerte man von unten herauf die Pfiffe des Peter ertoenen und
bald kamen sie heraufgesprungen die lustigen Geissen alle voran der
flinke Distelfink in hohen Spruengen. Gleich war das Heidi wieder
mitten in dem Rudel drin und vor lauter stuermischen Begruessungen
wurde es hin- und hergeschoben und dann schob es wieder ein wenig
denn es wollte zu dem schuechternen Schneehoeppli vordringen das ja
von den groesseren immer wieder weggedraengt wurde wenn es dem Heidi
entgegenstrebte.

Nun kam der Peter heran und tat einen letzten fuerchterlichen Pfiff
der sollte die Geissen aufscheuchen und der Weide zujagen denn er
wollte Platz bekommen um dem Heidi etwas zu sagen. Die Geissen
sprangen ein wenig auseinander auf den Pfiff hin; so konnte der Peter
vorruecken und sich nun vor das Heidi hinstellen.

"Du kannst einmal wieder mitkommen heut" war seine etwas stoerrige
Anrede.

"Nein das kann ich nicht Peter" entgegnete das Heidi. "Jeden
Augenblick koennen sie jetzt von Frankfurt kommen und dann muss ich
daheim sein."

"Das hast du schon manchmal gesagt" brummte der Peter.

"Es gilt aber immer noch und es gilt bis sie kommen" gab das Heidi
zurueck. "Oder meinst du etwa ich muesse nicht daheim sein wenn sie
von Frankfurt zu mir kommen? Meinst du etwa so etwas Peter?"

"Sie koennen zum Oehi kommen" versetzte der Peter knurrend.

Jetzt ertoente von der Huette her die kraeftige Stimme des
Grossvaters: "Warum geht's nicht vorwaerts mit der Armee? Fehlt's am
Feldmarschall oder an den Truppen?"

Augenblicklich machte der Peter kehrum schwang seine Rute in der
Luft dass sie sauste und alle Geissen die den Ton wohl kannten auf
und davon rannten der Peter hinter ihnen drein alle miteinander in
vollem Trabe den Berg hinan.

Seit das Heidi wieder daheim beim Grossvater war kam ihm hier und da
etwas in den Sinn woran es vorher nicht gedacht hatte. So machte es
jetzt alle Morgen mit grosser Anstrengung sein Bett zurecht und strich
so lange daran herum bis es ganz glatt aussah. Dann lief es in der
Huette hin und her stellte jeden Stuhl an seinen Ort und was etwa
da und dort herumlag oder -hing das kramte es alles in den Schrank
hinein. Dann holte es einen Lappen herbei kletterte auf einen Stuhl
hinauf und rieb so lange mit seinem Lappen auf dem Tische herum bis
dieser ganz blank war. Wenn dann der Grossvater wieder hereinkam
schaute er wohlgefaellig um sich und sagte etwa: "Bei uns ist's
jetzt immer wie Sonntag das Heidi ist nicht vergebens in der Fremde
gewesen."

Auch heute hatte Heidi nachdem der Peter fortgetrabt war und es mit
dem Grossvater gefruehstueckt hatte sich gleich an seine Geschaefte
gemacht aber es wurde fast nicht fertig damit. Draussen war es heut
morgen gar so schoen und alle Augenblicke geschah wieder etwas was
das Kind in seiner Taetigkeit unterbrach. Jetzt kam durch das offene
Fenster ein Sonnenstrahl so lustig hereingeschossen und es war
geradezu als riefe er: "Komm heraus Heidi komm heraus!" Da konnte
es nicht mehr drinnen bleiben es rannte hinaus. Da lag der funkelnde
Sonnenschein um die ganze Huette herum und auf allen Bergen glaenzte
er und weit weit das Tal hinunter und der Boden dort am Abhang sah
so goldig und trocken aus es musste ein wenig darauf niedersetzen
und umherschauen. Dann kam ihm auf einmal in den Sinn dass das
Dreibeinstuehlchen noch mitten in der Huette stand und der Tisch noch
nicht geputzt war vom Morgenessen. Nun sprang es schnell auf und lief
in die Huette zurueck. Aber es waehrte gar nicht lange so sauste
es draussen so maechtig durch die Tannen dass es dem Heidi in alle
Glieder fuhr es musste schon wieder hinaus und ein wenig mithuepfen
wenn alle Zweige da droben hin und her wogten und rollten. Der
Grossvater hatte einstweilen hinten im Schopf allerlei Arbeit zu
verrichten; er trat von Zeit zu Zeit unter die Tuer hinaus und schaute
laechelnd Heidis Spruengen zu. Eben war er wieder zurueckgetreten als
mit einemmal das Heidi laut aufschrie:

"Grossvater Grossvater! Komm komm!"

Er trat rasch wieder heraus fast erschrocken was mit dem Kinde sei.
Da sah er wie dieses dem Abhange zulief laut schreiend: "Sie kommen
sie kommen! Und voran der Herr Doktor!"

Das Heidi stuerzte seinem alten Freunde entgegen. Dieser streckte
gruessend die Hand aus. Wie das Kind ihn erreicht hatte umfasste es
zaertlich den ausgestreckten Arm und rief in voller Herzensfreude:
"Guten Tag Herr Doktor! Und ich danke auch noch vieltausendmal!"

"Gruess Gott Heidi! Und wofuer dankst du denn schon?" fragte
...



 
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