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EGMONT

JOHANN WOLFGANG VON GOETHE

Der Schauplatz ist in Bruessel.

ERSTER AUFZUG.

Armbrustschiessen.

Soldaten und Buerger mit Armbruesten.
Jetter Buerger von Bruessel Schneider tritt vor und spannt die
Armbrust.
Soest Buerger von Bruessel Kraemer.

Soest. Nun schiesst nur hin dass es alle wird! Ihr nehmt mir's doch
nicht! Drei Ringe schwarz die habt ihr eure Tage nicht geschossen. Und
so waer' ich fuer dies Jahr Meister.

Jetter. Meister und Koenig dazu. Wer missgoennt's Euch? Ihr sollt
dafuer auch die Zeche doppelt bezahlen; Ihr sollt Eure Geschicklichkeit
bezahlen wie's recht ist.

(Buyck ein Hollaender Soldat unter Egmont.)

Buyck. Jetter den Schuss handl' ich Euch ab teile den Gewinst
traktiere die Herren: ich bin so schon lange hier und fuer viele
Hoeflichkeit Schuldner. Fehl' ich so ist's als wenn Ihr geschossen
haettet.

Soest. Ich sollte drein reden; denn eigentlich verlier' ich dabei. Doch
Buyck nur immerhin.

Buyck (schiesst). Nun Pritschmeister Reverenz!--Eins! Zwei! Drei!
Vier!

Soest. Vier Ringe? Es sei!

Alle. Vivat Herr Koenig hoch! und abermal hoch!

Buyck. Danke ihr Herren. Waere Meister zu viel! Danke fuer die Ehre.

Jetter. Die habt Ihr Euch selbst zu danken.

(Ruysum ein Frieslaender Invalide und taub.)

Ruysum. Dass ich euch sage!

Soest. Wie ist's Alter?

Ruysum. Dass ich euch sage!--Er schiesst wie sein Herr er schiesst wie
Egmont.

Buyck. Gegen ihn bin ich nur ein armer Schlucker. Mit der Buechse trifft
er erst wie keiner in der Welt. Nicht etwa wenn er Glueck oder gute
Laune hat; nein! wie er anlegt immer rein schwarz geschossen. Gelernt
habe ich von ihm. Das waere auch ein Kerl der bei ihm diente und nichts
von ihm lernte!--Nicht zu vergessen meine Herren! Ein Koenig naehrt
seine Leute; und so auf des Koenigs Rechnung Wein her!

Jetter. Es ist unter uns ausgemacht dass jeder-Buyck. Ich bin fremd und
Koenig und achte eure Gesetze und Herkommen nicht.

Jetter. Du bist ja aerger als der Spanier; der hat sie uns doch bisher
lassen muessen.

Ruysum. Was?

Soest (laut). Er will uns gastieren; er will nicht haben dass wir
zusammenlegen und der Koenig nur das Doppelte zahlt.

Ruysum. Lasst ihn! doch ohne Praejudiz! Das ist auch seines Herrn Art
splendid zu sein und es laufen zu lassen wo es gedeiht. (Sie bringen
Wein.)

Alle. Ihro Majestaet Wohl! Hoch!

Jetter (zu Buyck). Versteht sich Eure Majestaet.

Buyck. Danke von Herzen wenn's doch so sein soll.

Soest. Wohl! Denn unserer spanischen Majestaet Gesundheit trinkt nicht
leicht ein Niederlaender von Herzen.

Ruysum. Wer?

Soest (laut). Philipps des Zweiten Koenigs in Spanien.

Ruysum. Unser allergnaedigster Koenig und Herr! Gott geb' ihm langes
Leben.

Soest. Hattet Ihr seinen Herrn Vater Karl den Fuenften nicht lieber?

Ruysum. Gott troest' ihn! Das war ein Herr! Er hatte die Hand ueber dem
ganzen Erdboden und war euch alles in allem; und wenn er euch begegnete
so gruesst' er euch wie ein Nachbar den andern; und wenn ihr erschrocken
wart wusst' er mit so guter Manier--Ja versteht mich--Er ging aus ritt
aus wie's ihm einkam gar mit wenig Leuten. Haben wir doch alle geweint
wie er seinem Sohn das Regiment hier abtrat--sagt' ich versteht mich--der
ist schon anders der ist majestaetischer.

Jetter. Er liess sich nicht sehen da er hier war als in Prunk und
koeniglichem Staate. Er spricht wenig sagen die Leute.

Soest. Es ist kein Herr fuer uns Niederlaender. Unsre Fuersten muessen
froh und frei sein wie wir leben und leben lassen. Wir wollen nicht
verachtet noch gedruckt sein so gutherzige Narren wir auch sind.

Jetter. Der Koenig denk' ich waere wohl ein gnaediger Herr wenn er nur
bessere Ratgeber haette.

Soest. Nein nein! Er hat kein Gemuet gegen uns Niederlaender sein Herz
ist dem Volke nicht geneigt er liebt uns nicht; wie koennen wir ihn
wieder lieben? Warum ist alle Welt dem Grafen Egmont so hold? Warum
truegen wir ihn alle auf den Haenden? Weil man ihm ansieht dass er uns
wohl will; weil ihm die Froehlichkeit das freie Leben die gute Meinung
aus den Augen sieht; weil er nichts besitzt das er dem Duerftigen nicht
mitteilte auch dem der's nicht bedarf. Lasst den Grafen Egmont leben!
Buyck an Euch ist's die erste Gesundheit zu bringen! Bringt Eures Herrn
Gesundheit aus.

Buyck. Von ganzer Seele denn: Graf Egmont hoch!

Ruysum. ueberwinder bei St. Quintin!

Buyck. Dem Helden von Gravelingen!

Alle. Hoch!

Ruysum. St. Quintin war meine letzte Schlacht. Ich konnte kaum mehr fort
kaum die schwere Buechse mehr schleppen. Hab' ich doch den Franzosen
noch eins auf den Pelz gebrennt und da kriegt' ich zum Abschied noch
einen Streifschuss ans rechte Bein.

Buyck. Gravelingen! Freunde! da ging's frisch! Den Sieg haben wir
allein. Brannten und sengten die welschen Hunde nicht durch ganz
Flandern? Aber ich mein' wir trafen sie! Ihre alten handfesten Kerle
hielten lange wider und wir draengten und schossen und hieben dass sie
die Maeuler verzerrten und ihre Linien zuckten. Da ward Egmont das Pferd
unter dem Leibe niedergeschossen und wir stritten lange hinueber herueber
Mann fuer Mann Pferd gegen Pferd Haufe mit Haufe auf dem breiten
flachen Sand an der See hin. Auf einmal kam's wie vom Himmel herunter
von der Muendung des Flusses bav! bau! immer mit Kanonen in die
Franzosen drein. Es waren Englaender die unter dem Admiral Malin von
ungefaehr von Duenkirchen her vorbeifuhren. Zwar viel halfen sie uns
nicht; sie konnten nur mit den kleinsten Schiffen herbei und das nicht
nah genug; schossen auch wohl unter uns--Es that doch gut! Es brach die
Welschen und hob unsern Mut. Da ging's! Rick! rack! herueber hinueber!
Alles tot geschlagen alles ins Wasser gesprengt. Und die Kerle ersoffen
wie sie das Wasser schmeckten; und was wir Hollaender waren gerad hinten
drein. Uns die wir beidlebig sind ward erst wohl im Wasser wie den
Froeschen; und immer die Feinde im Fluss zusammengehauen weggeschossen
wie die Enten. Was nun noch durchbrach schlugen euch auf der Flucht die
...



 
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